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Apostrophe Böser Strich

Gibt es wirklich nichts Schlimmeres, als Apostrophe falsch zu verwenden? Doch: Besserwisserei.

Mandy's Nageloase
„Warum nicht ein bisschen kreativ werden?“ Foto: dpa

Liebe Mandy, wir sind uns noch nie begegnet. Manchmal laufe ich nach der Arbeit an deinem Nagelstudio vorbei. Ich sage jetzt einfach mal Du, weil ich deinen Nachnamen nicht kenne. „Mandy’s Nageloase“ hast du auf das Schild über dem Schaufenster geschrieben.

Freundlich klingt das, fast schon persönlich. Es klingt nach einer Frau, die nicht nur die Hände anderer Frauen verschönert, sondern auch eine vertrauensvolle Atmosphäre herstellen möchte. Es scheint dir zu gelingen, denn dein Geschäft gibt es schon viele Jahre. Seit fast ebenso vielen Jahren gibt es die Internetseite www.deppenapostroph.info. Dort werden Fotos gezeigt von Schildern wie deinem: „Holger’s Frittenbude“, „Tanja’s Style“ oder „Beck’s Bier“. Die Seite zieht die Leute ins Lächerliche, die Sachen wie „Conny’s Currywursparadies“ schreiben. Obwohl es doch richtig „Connys Currywurstparadies“ heißen müsste. Weil es im Deutschen eigentlich nicht üblich ist, das Genitiv-S mit einem Strichlein abzuspalten. Das Suchen und Finden falscher Apostrophe macht den Menschen Freude. Erwischt. Setzen, Sechs.

Und es ist ja nicht zu leugnen: Der Apostroph ist wie der Fuchs in der Großstadt. Er breitet sich aus, der böse, böse Strich. Das kleine, unschuldige Häkchen, es ist nämlich alles andere als unschuldig. Es trennt die Doofis von den Klugen. Die da oben von denen da unten. Reife Leistung für so ein unscheinbares Satzzeichen.

Wer Apostrophe korrekt setzt (also meistens: weglässt), ist demnach ein besserer Mensch. Soziologinnen nennen das Phänomen neue Bürgerlichkeit. Verunsichert von der eigenen Abstiegsangst sind wir anscheinend jedem dankbar, der uns versichert, dass da, wo sie sind, noch nicht ganz unten ist. Sondern oben. Oder zumindest die Mitte. Das ist verständlich. Sympathisch ist es nicht.

Liebe Mandy, du fragst, was eigentlich verkehrt daran ist, als Selbstständige einen gut gehenden Kosmetikbetrieb zu leiten? Tja. Vielleicht wäre es einfach besser, du hießest Charlotte. Irgendwie ungerecht, sagst du. Die deutsche Sprache hat uns so ein hübsches Baukästlein an großen und kleinen Buchstaben geschenkt, voller Striche, Punkte, Häkchen. Warum nicht ein bisschen kreativ werden? Du sagst, du wunderst dich schon lange, dass es Leute gibt, die alles kleinschreiben. Dafür habe es früher im Diktat eine Sechs gegeben. Und alle diese Unter-, Binde-, Schrägstriche und Sternchen. Die dulde der Duden auch nicht. Warum dürfen Autor*innen und Professor_innen so etwas? Während dein Apostroph so peinlich ist wie eine Unterhose auf dem Kopf?

Dabei bist du in guter Gesellschaft. Seit Anfang des 17. Jahrhunderts wurde der Apostroph auch im Deutschen für den Genitiv benutzt, zunächst dichterisch bei Formen, wo der Poet etwas ausließ, um das Wort ins Versmaß zu zwängen („Gott’s Verstand“ bei Martin Opitz etwa). Der Genitiv-Apostroph ist also schon mal gar kein Anglizismus.

Die Akzeptanz des lustigen Strichelchens hing immer davon ab, was die obersten Sprachwächter gerade meinten. Johann Christoph Adelung tolerierte in seinem Wörterbuch von 1811 den Genitiv-Apostroph, woraufhin der Gebrauch kräftig zunahm. Jacob Grimm dagegen war ein Apostroph-Gegner. Konrad Duden schloss sich ihm an. Im ersten Duden hieß es 1880: „Bei Eigennamen ist es nicht erforderlich, das S des Genitivs durch einen Apostroph abzutrennen.“

Trotzdem haben sich nicht alle dran gehalten. So setzte auch Thomas Mann bei Substantiven, die auf Vokale enden, regelmäßig den Genitiv-Apostroph: Baron Harry’s, Johnny’s, Erika’s. Auch Nietzsche soll keine Berührungsängste dem „Deppen-Apostroph“ gegenüber gepflegt haben.

Aber er hatte ja auch keine Frittenbude.

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