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1000 Tode

Was sticht da so komisch? Menschen mit einer Herzneurose leben in Angst - obwohl sie gesund sind.

Herz
„Die Ärzte haben bestimmt etwas übersehen.“ Foto: istock

Wenn das Herz aufhört zu schlagen, das wissen schon ganz kleine Kinder, dann ist man tot. Leber, Milz, Nieren, Magen, Darm, Lunge: Alle anderen Organe dürfen mal schwächeln, wenn auch besser nicht zur selben Zeit. Nichts aber ist so dramatisch wie ein Herz, das rebelliert. Gefühlt zumindest.

„Ich habe einen Zettel auf den Beifahrersitz gelegt und groß ‚Herz‘ darauf geschrieben, damit jemand, der mich nach einem Infarkt findet, sofort weiß, was los ist“, schreibt eine Userin namens Mariah im Internetforumpsychic.de. Was man für die schlaue Maßnahme einer Herzpatientin halten könnte, ist bizarr: Mariah ist kerngesund. Mehr als 15 Ärztinnen und Ärzte bestätigten das in den vergangenen acht Jahren. Dreimal lag sie im Rettungswagen. Doch die Todesangst verschwand nicht. Ihre Schwindelanfälle, die Stiche in der Brust, das rasende Wummern fühlte sie nicht nur im Auto, sondern auch zu Hause auf dem Sofa. Panik packte sie. „Ich dachte jedes Mal, ich müsste sterben.“

Das Herz ist ein besonderes Organ. Es scheint mit der Seele verknüpft. Lebt unser Leben mit. Es kommentiert alles, gefragt und ungefragt. Deshalb verwundert es nicht, dass es eine Krankheit namens Herzneurose gibt - und keine Leberneurose oder Nierenneurose. Jeder weiß, dass Schmerzen im linken Arm ein Symptom für einen Herzinfarkt sein können. Und dass man lieber einmal zu viel als einmal zu wenig in die Notaufnahme fährt. Wer sich auf sein Herz konzentriert, glaubt schnell: Das Klopfen ist unregelmäßig. Worauf es erst recht holpert und stolpert.

Stiche in der Brust, rasendes Wummern: Wie bei Mariah kann der Lebensmotor stottern, überdrehen oder aus dem Takt geraten – doch am Organ selbst ist nichts zu finden. Mehr als 100.000 Deutsche sind betroffen. Sie rennen verzweifelt von Arzt zu Arzt, lesen schließlich „funktionelle kardiovaskuläre Störung“ auf dem Befund. So nennen die Ärzte eine Krankheit, der sie oft hilflos gegenüberstehen. Meist ist es die Seele, die den Körper quält. Deshalb sprechen Experten von „Herzneurose“ oder „Cardiophobie“.

Herzneurotiker erleben das schiere Grauen: Wenn der faustgroße, etwa 300 Gramm schwere Muskel, der in einem Menschendasein milliardenfach schlägt und die Nährstoffe bis in die fernste Zelle pumpt, zu versagen scheint, dann kommt die Angst. Die Bedrohung wirkt existenziell. Vor allem junge Menschen, meist zwischen 30 und 40, leiden darunter, Männer häufiger als Frauen. Sensibilisiert durch Infarkt-Aufklärungskampagnen, die raten, schon die kleinsten Signale ernst zu nehmen, sind Herzneurotiker davon überzeugt, es könnte in der Klinik doch etwas übersehen worden sein.

Psychologen sehen in der gefühlten Todesnähe eine Art Abwehrmechanismus: Die vermeintliche Herzerkrankung lenkt von eigentlichen Ängsten ab, wodurch diese vorübergehend ihre Bedrohlichkeit verlieren. Ralph Berthel, Facharzt für Innere Medizin und Psychologe, erklärt: „Auslöser können belastende Lebensereignisse wie Trennung, berufliche Probleme, Unfälle, Krankheit und Tod einer nahestehenden Person sein.“ Viele Betroffene hätten in ihrem Umfeld jemanden, der tatsächlich einen Herzinfarkt erlitt.

Ein berühmter Leidender war übrigens Bertolt Brecht. Schon als 21-Jähriger lag der Autor der „Dreigroschenoper“ mit Herzkrämpfen schweißgebadet im Bett. Er lebte danach noch viele Jahrzehnte.

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