Lade Inhalte...

Wohnen in Frankfurt Mehr Mut im Wohnungsbau

Experten fordern beim FR-Stadtgespräch zum Thema Wohnen radikalere Ansätze und neue Lösungen für die Stadt Frankfurt. Die ABG soll mehr Sozialwohnungen errichten.

Wie wollen wir wohnen? Die Frage löste auch im Publikum heftige Diskussionen aus. Foto: Christoph Boeckheler

Wie wollen wir wohnen? Wo kann neues Bauland entstehen? Und wie kann es gelingen, dass nicht noch mehr Frankfurter sich die Mieten in ihrer Stadt nicht mehr leisten können? Diese Fragen dürften in den gerade laufenden Koalitionsverhandlungen zwischen CDU, SPD und Grünen eine entscheidende Rolle spielen. Mögliche Antworten haben am Dienstagabend vier Experten für Stadtplanung und Wohnungsbau beim Stadtgespräch der Frankfurter Rundschau diskutiert. Eines haben sie dabei alle klargemacht: Ohne neue, vielleicht auch radikalere Lösungen wird es nicht gelingen, das Wohnungsproblem in Frankfurt in den Griff zu bekommen.

Martin Wentz, früher für die SPD städtischer Planungsdezernent, heute Projektentwickler, drängte die Stadtpolitik einmal mehr in kräftigen Worten dazu, mehr Bauland auszuweisen. „Wir müssen über Riedberg zwei, Riedberg drei nachdenken.“ Anders als oft behauptet sei Frankfurt keine flächenarme Stadt, sagte Wentz in der von den FR-Redakteuren Nadja Erb und Claus-Jürgen Göpfert moderierten Diskussion und wies auf die 6000 Hektar Ackerland im Stadtgebiet hin.

Auch die Grünen seien nicht prinzipiell gegen neue Stadtteile, sagte Ulrich Baier, planungspolitischer Sprecher seiner Fraktion im Römer, vor mehr als 100 Zuhörern im Haus am Dom. Die bisherigen Wohnflächen reichten nicht aus; nur Innenentwicklung zu betreiben, genüge nicht. Besser als den von der SPD vorgeschlagenen Pfingstberg zwischen Nieder-Eschbach, Nieder-Erlenbach und Harheim zu bebauen, sei es aber, etwa in Kooperation mit Sulzbach, Hattersheim oder Steinbach Flächen im Frankfurter Westen auszuweisen. Diese seien besser erschlossen.

Ian Shaw, Architekt, brachte nicht bebaute Flächenreste, etwa an Autobahnausfahrten, als Orte für den Wohnungsbau ins Spiel. Er riet aber auch, über Lösungen für einen geringeren Flächenverbrauch nachzudenken. „Ein Single braucht nicht unbedingt 80 Quadratmeter.“ 40 Quadratmeter reichten, wenn er auch gemeinschaftliche Flächen nutzen könne. Er warb dringend dafür, Neues ausprobieren, etwa Häuser zu bauen, in denen es sich leben und arbeiten lässt, mit Wohnungen, die sich auf einfache Weise umbauen lassen.

Sebastian Schipper vom Institut für Humangeographie der Goethe-Universität stellte als Einziger auch die Frage, ob das zuletzt sehr starke und nach allen Prognosen anhaltende Bevölkerungswachstum denn sinnvoll ist. Er riet sogar, darüber nachzudenken, ob man die Gewerbesteuer nicht erhöht, um den Wachstumsdruck etwas wegzunehmen. Es sei nicht günstig, dass sich die Arbeitsplätze im Land zunehmend an wenigen Standorten konzentrierten.

Heftiger Widerspruch kam von Wentz. „Es ziehen einfach Menschen hierher. Sie fragen nicht, ob wir wachsen wollen. Sollen wir ihnen sagen, sie sollen in Korbach bleiben?“ Die Stadtpolitik könne nur steuern, wo und wie Frankfurt wächst. „Warum sollten wir das Wachstum bremsen?“, fragte Shaw.

Einig waren sich Schipper und Wentz dagegen, dass es besser sei, in Frankfurt als in der Region zu bauen. In der Stadt werde dichter und höher gebaut, dadurch weniger Fläche versiegelt als im Umland, hieß es. Zudem sei es auch ökologisch nicht sinnvoll, in der Region zu bauen, wenn die Menschen dann zu Arbeitsstätten in Frankfurt pendelten.

Besonders Wentz riet dazu, dichter und höher zu bauen. Dass gerade die am dichtesten bebauten Stadtteile wie das Nordend besonders beliebt seien, hielt er Kritikern solchen Vorgehens entgegen. Ein Quartier werde erst ab einer bestimmten Zahl von Menschen pro Quadratmeter lebendig. Davon, Hochhäuser als eine Antwort in der Wohnungsfrage zu begreifen, riet er dagegen ab. Deren Bau sei immer teuer. Günstige Wohnungen entstünden nur, wenn diese stark subventioniert würden. Mit dem Bau sozial geförderter Wohnungen am Ben-Gurion-Ring oder am Mainfeld habe die Stadt aber keine guten Erfahrungen gemacht.

Baier sah das ähnlich. „Hochhäuser sind keine Lösung für soziales, billiges Wohnen“, sagte der Stadtverordnete. Deren Bau sei nur in Ordnung, wenn die Investoren sich gegenüber der Stadt verpflichteten, im Gegenzug auch Sozialwohnungen als Ausgleich zu errichten. Gerade für junge Menschen könne auch das Leben im Hochhaus eine Alternative sein, urteilte dagegen Architekt Ian Shaw.

In der Frage, wie Wohnraum entstehen und bewahrt werden kann, den sich nicht nur überdurchschnittlich Verdienende leisten können, setzt Schipper nicht zuletzt auf die ABG. Die müsse künftig ausschließlich geförderten Wohnraum errichten, forderte er und erhielt dafür viel Applaus. Wenn er sich etwas wünschen dürfe, würden die Mieten der 52 000 Wohnungen der Gesellschaft zudem nur noch höchstens in Höhe der Inflationsrate steigen. „Die ABG muss ganz anders einsteigen, als sie es bisher gemacht hat“, warb auch Wentz. Statt Vorreiter beim Passivhausbau solle sie besser Vorreiter beim Bau günstiger Wohnungen sein. Der frühere Planungsdezernent und SPD-Vorsitzende nannte es zudem unsinnig, dass die ABG jedes Jahr Millionen an die Stadt ausschütte. Zu viel dürfe man sich vom städtischen Immobilienkonzern allein aber auch nicht erhoffen. Ohne private Investoren werde man den Wohnungsmangel nicht bekämpfen.

Baier verkaufte es als Erfolg der Grünen, dass die ABG jetzt mehr als 38 Prozent ihres Neubauvolumens als geförderten Wohnungsbau errichten will. Er riet dazu, diese Quote noch etwas zu erhöhen. Mehr als 40 Prozent aber seien nicht drin. Sonst drohe die ABG pleitezugehen. Wie die Nassauische Heimstätte müsse die ABG auch frei finanzierte Wohnungen bauen, um die Errichtung von Sozialwohnungen querzusubventionieren. Widerspruch aus dem Publikum erntete Baier, als er sagte, keine Wohnungsgesellschaft errichte Sozialwohnungen in solch einer hohen Quote wie die ABG. „Wieso geht das dann in anderen Städten?“, rief ein Zuhörer.

Schipper warf der Stadt vor, sie habe etwa im Ostend selbst zu einer Gentrifizierung mit steigenden Mieten und Verdrängung beigetragen. Zunächst habe sie dort zwar versucht, eine übermäßige Aufwertung zu verhindern, indem sie sozialen Wohnungsbau im Gebiet förderte und Sanierungsfördermittel an die Einhaltung einer Mietobergrenze knüpfte. Nach dem Jahr 2000 aber habe sich diese Politik geändert.

Gentrifizierung lasse sich von der Stadt nur verlangsamen, nicht aufhalten, sagte Baier. Straßen nicht zu sanieren, Viertel schäbig zu lassen, um die Bewohner vor höheren Mieten zu schützen, komme nicht infrage. „Wo ich für saubere Stadtteile sorge, steigen die Mieten. Das ist bitter, aber es ist so.“ Letztlich helfe auch in dieser Frage nur mehr Neubau, meinte Wentz. Dass die Mieten seit Jahren stark steigen, liege nicht an „Miethaien“, sondern daran, dass es zu wenige Wohnungen gebe.

Die Zeitung für Menschen mit starken Überzeugungen.

Multimedia App E-Paper
App
Online Kundenservice Abo-Shop
Ok

Um Ihnen ein besseres Nutzererlebnis zu bieten, verwenden wir Cookies. Durch Nutzung unserer Dienste stimmen Sie unserer Verwendung von Cookies zu. Weitere Informationen