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Portugal Dem Verfall überlassen

Der portugiesische Diktator António Salazar ließ für Jahrzehnte die Mieten einfrieren. Die Folge waren verfallene Wohnungen im ganzen Land.

Renovierungsbedürftiges Haus in Lissabon. Foto: imago/Westend61

Im einst prächtigen Hausflur mit Marmorboden hing ein Kristalllüster, der die meisten seiner zwölf Flammen eingebüßt hatte und nur sehr spärliches Licht gab. Genug jedoch, um erkennen zu lassen, dass das Treppenhaus völlig heruntergekommen war. In der Wohnung war das wunderschöne Intarsienparkett bis zur Unkenntlichkeit abgetreten. Die Holzfensterrahmen waren von vielen feuchten Wintern verzogen; sie faulten, und es zog erbarmungslos durch die Ritzen. Eine Heizung gab es nicht, obwohl die Temperaturen im Winter einstellig wurden. Die einfach verglasten Fenster halfen nicht gegen den Lärm vorüberfahrender Laster, die das Haus zum Beben brachten. Den Balkon durften wir nicht betreten: Von der Straße unten war gut zu erkennen, dass der Putz sich in großen Stücken ablöste.

Ein Mehrfamilienhaus in Lissabon, gebaut in den 1940er Jahren. Die monatliche Miete für vier Zimmer, Küche, Bad: umgerechnet 20 Mark. Das war Mitte der 1980er Jahre, und weder der Zustand der Wohnung noch die Höhe der Miete waren außergewöhnlich. Selbst wenn er das Geld gehabt hätte – den Vermieter konnten die lächerlichen Einnahmen nicht dazu bewegen, das Haus zu renovieren oder gar zu sanieren.

Grund für die aberwitzigen Preise und damit Ursache für den Verfall war ein Gesetz, mit dem Diktator António Salazar 1947 die Mieten in Lissabon und Porto eingefroren hatte, um die Lebenshaltungskosten der Bevölkerung einzudämmen. Der Mietpreisstopp blieb über Jahrzehnte in Kraft, real sanken die Mieten wegen der galoppierenden Inflation drastisch. Der Kündigungsschutz war praktisch grenzenlos und übertrug sich etwa von Eltern auf Kinder. In älteren Mietshäusern wurden deshalb nur selten Wohnungen frei. Junge Paare zogen in die Vororte, wo massenhaft Eigentumswohnungen gebaut wurden, für die man sich hemmungslos verschuldete.

Zwar wurde die Mietpreisbindung 1981 – sieben Jahre nach der Nelkenrevolution – abgeschafft, der Preisstopp für die alten Verträge aber blieb noch bis 2012 bestehen. Zu diesem Zeitpunkt waren etwa ein Drittel aller Immobilien auf dem Mietmarkt betroffen.

Für viele alte Gebäude kam der Schwenk der Politik zu spät. Die Folgen des Salazar-Gesetzes stechen noch heute Besuchern von Lissabon oder Porto unmittelbar ins Auge. Ganze Häuserblöcke etwa im berühmten Bairro Alto der Hauptstadt sind so heruntergekommen, dass man sich nicht anders zu helfen wusste, als alle Fenster und Türen zuzumauern und gegen den Einsturz rundum mit Holzbalken abzusichern.

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