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Mietshäuser-Syndikat Mieter, vereinigt euch!

In Freiburg entstand in den 80er Jahren die Idee, den Wohnungsmarkt mit seinen eigenen Mitteln zu überlisten: mit dem Mietshäuser-Syndikat. Ein Besuch an dem Ort, wo alles anfing

Der Innenhof des Wohnsyndikats. Foto: peter-juelich.com

Besetzen statt besitzen. Die Ansage war klar. Beim Häuserkampf im Frankfurt der 70er Jahre, in Berlin in den 80ern – und auch in Freiburg. „Heute hat sich das fast umgedreht“, sagt Elke Manz. Heute ist die Frau mit dem schwarzen Pulli und den rötlichen Haaren selbst Hausbesitzerin, wenn auch auf besondere Weise. Sie sitzt auf einer Holzbank auf dem Hof eines ehemaligen Fabrikgeländes im Freiburger Viertel „Im Grün“. Ringsherum leben mehr als 100 Menschen, zahlen Miete und sind doch zugleich ihre eigenen Vermieter.

Das 4000-Quadratmeter-Areal um eine stillgelegte Gießerei, an die noch ein großer Backsteinschornstein erinnert, wirkt wie ein eigener kleiner Stadtteil mit einem Hauch Freiburg-Klischee. In einer Ecke des Hofes sitzen Leute an den Tischen des „Strandcafé“ in der Nachmittagssonne, in der anderen drängeln sich Kinder an ihrem Erzieher mit dem Nietengürtel vorbei in die Kita, rennen durch eine kleine Unterführung voller Briefkästen und Graffiti. Ein Antiquitäten-Laden, eine Druckerei, ein Radiosender, eine feministische Bibliothek und vieles mehr hat hier dauerhaft Platz gefunden – und natürlich die WGs und Wohnungen.

Hier, auf dem Grethergelände, ist die Idee des Mietshäuser-Syndikat in den 80er Jahren entstanden. Im Zentrum steht die bürgerliche Rechtsform der Gesellschaft mit beschränkter Haftung, die GmbH. Hört sich nicht gerade revolutionär an, doch das Ziel ist es schon: die Entprivatisierung von Wohnraum. Längst ist das Konzept ein Exportschlager.

Elke Manz und Jochen Schmidt, kurze graue Haare, Kapuzenpulli, Jeans, wohnen schon lange hier und sind im Mietshäuser-Syndikat aktiv. Auf dem Hof, vor einem kleinen Büro, das sie nicht als Zentrale verstanden wissen wollen, erklären die beiden was das bedeutet, Entprivatisierung: Dem Syndikat gehe es darum, Häuser langfristig zu sichern und ihren Charakter als Wohnprojekte zu erhalten, samt Selbstverwaltung und bezahlbarer Mieten. Es hat sich gezeigt: Auch ohne Millionen auf dem Konto können Mieter ein Haus kaufen und bewirtschaften.

Während Manz und Schmidt erklären, kommt der Briefträger und fragt um Rat – ihm fällt es nicht so leicht, auf dem Gelände immer den richtigen Briefkasten zu finden. Zurück zum Thema: „Der Clou ist die Rechtsform“, sagt Manz. Das war auch die Idee der Gründer. Klingt langweilig, hat es aber in sich. Einmal gekauft, gehören die Häuser einer GmbH. Diese hat zwei Gesellschafter: Einen Verein der jeweiligen Bewohner und das Mietshäuser-Syndikat, der Zusammenschluss aller Hausvereine und einzelner Mitglieder. Über die alltäglichen Belange entscheiden die jeweiligen Hausbewohner allein. Das Syndikat ist an der GmbH beteiligt, um die Vernetzung zu ermöglichen und um einen erneuten Verkauf, also eine Reprivatisierung, zu verhindern. Die Bewohner unterschreiben einen Mietvertrag, müssen sich anders als in manchen Genossenschaften oder Kommunen also nicht dauerhaft binden.

Und woher kommt das Geld? Von Privatleuten. Finanziert werden die Käufe und Sanierungen zum Teil durch kleine Darlehen zu niedrigen Zinssätzen. Weil solche „Direktkredite“ als Eigenkapitalersatz anerkannt werden, können sich die Hausprojekt-Gruppen den Rest des Geldes bei einer Bank leihen. Die Nachfrage unter „Kleinanlegern“, oft Freunde oder Angehörige, sei groß, sagt Schmidt. „Im Moment bieten wir eben fast mehr Zinsen als eine Bank.“ Nicht der einzige Grund, sagt Manz. „Die Leute wollen sehen, was mit ihrem Geld passiert.“

Nur eines müssten sie wissen: Sollte ein Projekt nach dem Kauf scheitern, werden diese Kredite als letztes aus der Insolvenzmasse bedient, im schlimmsten Fall ist dann nichts mehr übrig. Eingetreten ist das bisher nur einmal, 2010 bei einem Projekt in Neustadt. Seither habe man die Aufnahmekriterien verbessert, beteuern die Aktivisten. Und mitmachen wollen viele: Nach dem erfolgreichen Kauf des ersten Grether-Hauses 1987 – auf dem Gelände sind inzwischen drei Projekte entstanden – kamen immer wieder Leute nach Freiburg, um zu erfahren, wie man das macht. Dann ging es um Finanzpläne, Kredite und um Erfahrung.

Die hat Rosemarie von Pressentin reichlich gesammelt. Seit 26 Jahren lebt sie so. „Eine normale Mietwohnung kann ich mir gar nicht mehr vorstellen“, sagt die 58-Jährige mit den grün funkelnden Ohrringen bei einem Rundgang über Dachterrassen, durch aufgeräumte und weniger aufgeräumte Küchen, an einem Gästezimmer vorbei, das nur mit einer Leiter zu erreichen ist. Sie zeigt, wo früher das Fabriktor war, erzählt, wie es losging mit der Idee „nicht-entfremdet zu arbeiten, nicht-entfremdet zu wohnen, am besten an einem Ort“, wie das Gelände der Stadt abgerungen wurde, vor dem Abriss bewahrt, aufwendig saniert.

Von Pressentien geht eine grün bewachsene Treppe an einem Haus hinauf und schließt die Tür auf. Dahinter ist ihr Zuhause, eine 6er-WG mit heller Wohnküche, in der ein großer Holztisch steht. Um die Ecke, in einem der Zimmer liegt der gescheckte, dreibeinige Kater Merlin auf dem Bett. Über das Zusammenleben diskutieren, die Haus-Vollversammlung einmal im Monat (zu der natürlich nicht alle kommen) – das gehört für von Pressentin dazu. Wenn sie irgendwo klopft, gehen die Türen auf. Bewohner zeigen ihre Zimmer und Hochbettkonstruktionen. Einer berichtet, wie seine WG auf dem Plenum argumentiert hat, dass sie ein neues Dachfenster brauchen. Mit Erfolg.

Zurück im Hof. Jochen Schmidt erzählt von Mietern, die Angst haben, verdrängt zu werden und sich ans Syndikat wenden. „Ihr könnt euer Haus selbst kaufen. Wir helfen euch dabei“, rät er ihnen. Er sagt das, als ob es selbstverständlich wäre. Viel Arbeit sei es schon, warnt Manz. Wer einsteigen will, muss einen soliden Plan aufstellen, über die Aufnahme entscheidet eine große Mitgliederversammlung. Einmal dabei werden Neue unterstützt – ideell und finanziell. „Irgendwann entstehen in den älteren Projekten Überschüsse“, sagt Schmidt, „aber jedes neue Projekt fängt gleichzeitig immer wieder bei Null an“. Deswegen haben sich die Syndikalisten den Solidarbeitrag einfallen lassen: Sinkt die Zinsbelastung, geben Projekte pro Quadratmeter Nutzfläche anfangs ein paar Cent, später mehr, an das Syndikat. Die Mieten in den Häusern sollen dabei bezahlbar bleiben. Heute zahle man hier im Schnitt sechs Euro pro Quadratmeter, sagt Schmidt, im Mietshaus seien es 12.

An das Syndikat angeschlossen haben sich inzwischen mehr als 100 ganz verschiedene Gruppen in Deutschland. Anfragen kommen nun nicht mehr nur aus Tübingen oder Leipzig, sondern auch aus Frankreich oder Holland. „Wir haben schon vor zehn Jahren gedacht: Jetzt ist die Grenze neuer Projekte erreicht. Ich denke inzwischen eher, dass das alles weiter an Dynamik gewinnt“, sagt Schmidt. Längst wird diskutiert, wie das klappen kann, ohne irgendwann zur normalen Wohnungsbaugesellschaft zu mutieren. „Wenn 250 Leute zur Mitgliederversammlung kommen, muss man sich schon Gedanken machen, wie man weiter basisdemokratisch entscheiden kann.“

In den Projekten wohnen „Leute, die irgendwann mal überlegen, wie will ich eigentlich leben“, beschreibt von Pressentin ihre Mitbewohner. Eine hat sich dem Rundgang übers Gelände angeschlossen: Maike Malessa, 29, hat die Uni hinter sich, ist erst kürzlich eingezogen. „Ich wollte nicht länger in einer anonymen Nachbarschaft wohnen“, sagt sie, „sondern mich einbringen können, einen Bezug zum eigenen Zuhause entwickeln. Hier fühlt man sich verantwortlich.“ Schaut man sich mit ihr um, sieht man was sie meint: Auf Balkonen und in den Zimmern immer wieder eigenwillige Konstruktionen, viele verwirklichte Ideen. Na gut, das mit dem Wasserrad im Bach am Rande des Geländes, das Strom liefern soll, hat bisher nicht recht geklappt.

Ihre neuen Mitbewohner suchen sich die Grether-WGs selbst aus: Es sei schon eine bestimmte Schicht von Leuten, die hier einzieht, sagen die Bewohner. Viele teilten einen gewissen politischen Hintergrund. Lust auf gemeinsames Leben, darauf sich einzubringen, solle man mitbringen. Ein Akademiker-Überhang lässt sich erahnen, aber die soziale Durchmischung sei hoch, versichern sie.

Der Rundgang über das Gelände ist vorbei. Von Pressentin steht vor einem der Häuser, die heute auch ihr gehören. „Damals wollten wir weg von der Idee, sich mit einem besetzten Haus einfach eine Insel zu schaffen“, erinnert sie sich. Deswegen das System, das neue Projekte unterstützt. „Das ist hochpolitisch: Wir kaufen, damit die Häuser dauerhaft der kapitalistischen Verwertung entzogen werden.“ Das Syndikatsmodell verhindere, dass sich am Schluss doch jemand bereichere, wie es bei vielen ehemals besetzten Häusern passiert sei. Als damals in der linken Szene in Freiburg über die GmbH-Idee diskutiert wurde, „waren wir die Verräter“, sagt sie und lacht. „Aber der Lauf der Geschichte hat uns Recht gegeben.“ Trotz Eigentumstiteln, Finanzplänen, Grundsteuer und Krediten: Einem zentralen Hausbesetzer-Ideal ist das Syndikat treu: „Die Häuser denen, die drin wohnen.“

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