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FR-Serie „Mensch, Roboter!“ Roboter erobern die Welt

In Industrie und Logistik sind sie längst angekommen, bald könnten intelligente Maschinen auch unser Zuhause bevölkern. Das löst Probleme – und schafft neue.

08.05.2017 14:28
Pepper
Gestatten, Pepper: Der japanische Barbesitzer Masahiko Yoshida samt Roboter in seiner Kneipe. Pepper ist momentan sehr populär. Foto: Getty Images

Die Kontaktaufnahme mit Pepper will nicht so recht gelingen. Mit seinen dunkelroten Augen fixiert er zwar sein Gegenüber ganz genau. Doch egal welches Thema angeschnitten wird, seine Antwort lautet immer: „Ich kann ihre Frage nicht verstehen.“ Ein Betreuer bittet um Nachsicht. Man müsse Verständnis haben, das vielfältige Stimmengewirr irritiere. Und so schaut Pepper mit seinem freundlich-kindlichen Gesicht die Besucher in der Messehalle in Hannover an und schweigt.

Pepper kommt im Format eines Kleinkindes daher, ist 28 Kilogramm schwer und 1,20 Meter groß. Pepper kann Arbeitstage mit zwölf Stunden bewältigen, so lange halten die Batterien durch, dann rollt er automatisch mit seinen drei Rädern zur nächsten Ladestation. Pepper ist ein Vorbote, wird als erster serienreifer humanoider Roboter auf dem deutschen Markt bezeichnet. Für Wolfgang Dorst vom Digitalverband Bitkom steht fest: „Wir stehen an der Schwelle zu einem neuen Zeitalter, dem der Serviceroboter.“

Sie können alles verändern, die Art wie wir leben und wie wir arbeiten. Sie sollen omnipräsent werden. In der Fabrik, auf dem Acker und im Lagerhaus, im Altenheim und im Krankenhaus, in der Küche und im Kinderzimmer, im Straßenverkehr und in der Luftfahrt. Roboter werden Kriege führen und bei allen möglichen Katastrophen eingesetzt.

So forscht und bastelt J. Michael Vandeweghe an der Carnegie Mellon Universität in Pittsburgh an einem Roboter, der künftig Kernschmelzen in Atomkraftwerken durch einen beherzten Einsatz verhindern soll. In Werner Herzogs Dokumentarfilm „Lo and Behold“ ist sein Geschöpf mit einem Korpus und vier Extremitäten zu sehen. Letztere dienen der Fortbewegung, sind aber auch mit diversen Werkzeugen ausgestattet. Im Film öffnet der Roboter in Zeitlupe eine Tür und geht hindurch.

Vandeweghe räumt ein: „Kakerlaken sind viel weiter entwickelt als unsere heutigen Roboter. Sie können am Boden herumrennen, Gefahren aus dem Weg gehen, Futter suchen, sich vermehren und jahrelang alleine zurechtkommen. Das können Roboter noch lange nicht.“ Bei keiner anderen technologischen Neuheit ist die Fallhöhe zwischen Zukunftsvisionen und Gegenwart so hoch. Die Experten der auf Technologie spezialisierten US-Marktforschungsfirma Gartner empfehlen denn auch Verkäufern der ersten Roboter fürs Zuhause, Vokabeln wie „künstliche Intelligenz“ nicht zu erwähnen, um Enttäuschung bei den Kunden zu vermeiden.

Für die hochfliegenden Erwartungen hat vor allem Hollywood gesorgt. Mit dem ersten „Star-Wars“-Film im Jahr 1977 entwickelten viele Kinozuschauer Sympathien für die sogenannten Droiden „R2-D2“ und „C-3PO“, sie sind längst Teil der Popkultur. Der Filmregisseur Ridley Scott hat in seinem Film „Blade Runner“ (1982) die Idee von der Menschmaschine auf die Spitze getrieben – mit Robotern aus Fleisch und Blut, die nicht mehr vom Homo Sapiens zu unterscheiden sind und dummerweise auch intensive Gefühle entwickeln, was zu heftigen Komplikationen führt. „Menschlicher als der Mensch“, so lautet das Motto der Tyrell Corporation, die die sogenannten Replikanten konstruiert.

Scott sagt in einem Werbeclip für IBM, dass Science Fiction für ihn bedeute, in Welten einzutauchen, wo alles möglich ist. Die entfesselten Visionen der Filmemacher haben der IT-Branche die Vorlagen gegeben, an denen sie sich nun abarbeiten. „Letztendlich geht es um den alten Traum, künstliche Menschen zu erschaffen, um selbst gottähnlich zu werden“, sagt ein Manager eines Computerkonzerns, der in diesem Zusammenhang nicht namentlich erwähnt werden will.

Von menschenähnlichen Wesen sind die Roboter, die seit etwa 40 Jahren in der Industrie arbeiten, weit entfernt. Sie bestehen im Wesentlichen aus riesigen Greifarmen. Für Autobauer etwa halten sie ein Karosserieteil an ein anderes und schweißen beide zusammen. Sie sind in Käfige eingesperrt, da es zu schweren Verletzungen kommen kann, wenn ein Mensch sich in den Weg stellt. Der klassische Industrieroboter ist dumm, arbeitet das immergleiche Programm ab.

„Er kann sich nur in strukturierten Umgebungen bewegen“, erläutert Bitkom-Experte Dorst.
Doch mit den modernen Exemplaren, die Dorst Serviceroboter nennt, wird alles anders. Sie können sich frei bewegen, da sie mit Sensoren ausgestattet sind, mit denen sie neue Situationen erkennen und darauf reagieren können. Dabei ist lernfähige Software am Werk, die Daten sammelt, analysiert und daraus „Schlussfolgerungen“ zieht. Das macht Serviceroboter theoretisch fast unbegrenzt einsetzbar.

Die Vertreter der ersten Generation der Personal Assistant Robots (PAR) etwa gibt es schon zu kaufen. Budgee ist eine Art selbstfahrender Einkaufskorb, der seinem Besitzer in gemessenem Abstand folgt und mit 23 Kilogramm beladen werden kann. Gartner-Analysten sehen indes in Zenbo vom Konzern Asus das Vorbild des künftigen Standard-PAR für zu Hause.

Zenbo ist ein kleines Kerlchen auf Rädern mit rundlichem Körper und breitem Flachkopf, der als Bildschirm dient. Kindern soll er Lieder vorsingen, für die Eltern Kochrezepte suchen, Senioren an die Einnahme von Medikamenten erinnern und durch die Wohnung patrouillieren, wenn niemand da ist. Gartner empfiehlt den Herstellern von Personal Computern schon einmal, Konzepte zu entwickeln, wie sie ihre Produkt-Portfolios umstellen können – weg von Notebooks und Tischrechnern, hin zu elektromechanischen Lebensbegleitern.

Marcus Gloger, Partner bei PWCs Strategieberatung Strategy& erwartet für die nähere Zukunft, dass die sprechenden Maschinen für die Betreuung älterer Menschen oder Kinder in größerem Stil eingesetzt werden. Auch digitale Butler würden bald millionenfach als Manager im Haushalt eingesetzt, um beispielsweise sicherzustellen, dass der Kühlschrank voll ist und die Wohnung vom Staubsaugerroboter gesaugt wird, wenn die Bewohner im Kino sind.

In der Logistikbranche setzen sich die intelligenten Maschinen indes schon jetzt durch. Amazon ist der Schrittmacher. Für den weltgrößten Onlinehändler arbeiten derzeit rund 30000 Roboter in dessen Logistikzentren. Ihre Aufgabe ist noch relativ simpel: Bestellte Ware zu den Packstationen bringen. Die Effekte sind enorm: Bestellungen werden erheblich schneller ausgeliefert als zuvor, die Beschäftigten aus Fleisch und Blut müssen nicht mehr zehn oder zwölf Kilometer täglich zu Fuß zurücklegen. Das Unternehmen drücke damit seine operativen Kosten um 20 Prozent, sagt Amazon-Manager Dave Clark. Andere Konzerne reagieren. Die Deutsche-Post-Tochter DHL oder der weltgrößte Einzelhändler Walmart wollen ihre Logistikzentren ebenfalls mit fahrenden Robotern bevölkern. Auch Indoor-Drohnen, die Ware durch die Luft befördern, sind in der Erprobung.

Doch das größte Potenzial sehen Dorst und viele andere Experten in der Industrie. Aus ihren Käfigen befreit, werden die Einsatzgebiete der Roboter in den Fabriken um ein Vielfaches größer, wenn sie Seite an Seite mit den Menschen die Fertigung optimieren. „Es geht darum, hohe Qualität zu sichern“, sagt Berater Gloger. Doch das Thema Kosten dürfte noch viel wichtiger sein. Der deutsche Roboterbauer Kuka hat errechnet, dass die smarten Maschinen über ihre gesamte Lebensdauer betrachtet fünf Euro pro Stunde kosten. Ein Arbeiter kostet in den westlichen Industrienationen mindestens 35 Euro die Stunde. Aus all dem folgt: Roboter werden Tausende von Jobs in Industrie, Handel und bei Dienstleistern zerstören.

Die Marktforscher von Forrester Research etwa erwarten, dass in den nächsten zehn Jahren allein in den USA 25 Millionen Arbeitsplätze durch die Automatisierung wegfallen. Dorst macht aber darauf aufmerksam, dass gleichzeitig für viele Jahre auch Tausende gebraucht werden, um die Roboter zu trainieren. Forrester rechnet für die USA mit 15 Millionen neuen Jobs. Was aber passiert mit den übrigen zehn Millionen? Berater Gloger gibt sich da optimistisch. Er sieht enorme Potenziale bei intellektuell anspruchsvolleren Jobs, die Kreativität erfordern. „Am Ende wird immer der Mensch stehen, der entscheidet und Neues schafft.“

Doch mit dem Entscheiden ist das so eine Sache. Die Konzepte für intelligente Fabriken etwa gehen davon aus, dass Roboter mit ihren lernenden Programmen eines Tages komplexe Fertigungsprozesse auf Basis von aufwendigen Big-Data-Analysen selbst organisieren. Der Roboter eines Autobauers bestellt beim Roboter eines Zulieferers. Beschließen dann auch eines Tages die intelligenten Maschinen, dass bestimmte Tätigkeiten nicht mehr von Menschen, sondern von anderen intelligenten Maschinen ausgeführt werden, weil diese effizienter und billiger sind?

Die Aktivisten des Vereins Digitalcourage sehen indes das primäre Problem nicht beim Roboter selbst, sondern bei den Programmen, die sie steuern. Sie befürchten, dass Entscheidungen von großer Reichweite künftig von Algorithmen getroffen werden, die auf Gewinnoptimierung getrimmt sind und dass Menschen gar nicht mehr gefragt werden, was sie wollen. Aus Big-Data-Analysen werde dann vielmehr geschlossen, was Menschen wollen sollen. Das führe zu einer Entmündigung. Digitalcourage fordert deshalb möglichst umfängliche Transparenz, sowohl was die Verwendung der Daten als auch was die Programme angeht, die sie verarbeiten. Es müsse überdies gewährleistet sein, dass immer Einsprüche gegen die Entscheidungen von Maschinen möglich sind. Ferner müsse sichergestellt werden, dass in allen Lebensbereichen Alternativen zu den elektronischen Apparaturen zur Verfügung stehen.

Ein neues Forschungsfeld tut sich auf: Roboter-Ethik. Immer dringlicher stellen Wissenschaftler die Frage, was Maschinen dürfen und was nicht. Was bedeutet es, dass Pepper und seine mutmaßlichen Nachfahren sensibel auf Gefühle von Menschen reagieren, vielleicht gar eines Tages sensibler als Menschen? Jaron Lanier, Aktivist und IT-Pionier, warnt und fragt: „Wenn Maschinen menschlicher werden, werden dann Menschen immer mehr zu Maschinen?“ Für den Internetforscher Danny Hillis verdichtet sich letztlich alles zu einer theologischen Frage, die neu gestellt werden muss: „Was bedeutet Menschsein?“, fragt er in Werner Herzogs Film. Das ist ganz nah an der Science-Fiction-Welt von „Blade Runner“ und der Tyrell-Losung für ihren Qualitätsstandard: „Menschlicher als der Mensch“.

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