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Stimmen Zum Einschlafen sexy

Wir verlieben uns in Menschen nur wegen ihrer Stimme. Und wenn wir sie treffen, ist die Enttäuschung oft groß. Warum eigentlich?

04.06.2015 13:59
Vivien Zuta
Robert De Niros deutsche Synchronstimme gilt als erotisch. Aber wie klingt der Meister wohl selbst? Foto: imago stock&people

Kürzlich war ich auf einem Funny van Dannen-Konzert. Es war bereits mein zweites. Schon beim ersten Konzertbesuch musste ich über Titel wie „Herzscheiße“ sehr lachen. Dieses Mal begeisterte mich allerdings ein Lied namens „Überrascht“. Funny van Dannen besingt darin die eigene Überraschung darüber, wie wunderschön seine eigene Stimme klingt: „Eine schöne Stimme ist ein Geschenk Gottes und so etwas verpflichtet / Wer andere glücklich machen kann, sollte es auch tun, damit die Welt endlich besser wird.“ Augenzwinkernd besingt er sie mit einer beneidenswerten und hingebungsvollen Inbrunst.

Ein bisschen was davon könnten wir uns ruhig abgucken. Die meisten Menschen kennen ihre eigene Stimme ja gar nicht so genau, und wenn sie sich dann auf einer Aufnahme hören, weichen sie erschrocken zurück. Dabei ist die Stimme unser einziges akustisches Merkmal. Sie entscheidet nicht nur über Erfolg und Misserfolg, Sympathie und Antipathie, sie ist eben auch ein wesentlicher Flirtfaktor. In jedem Alter, in den meisten Kulturen und in jedem Umfeld. Immerzu, auch wenn man nicht damit rechnet.

Ganze Liebesgeschichten sind durch verwählte Rufnummern und nette Telefongespräche entstanden. Keine andere Kommunikationsform kann die verbale Kommunikation auch nur annähernd ersetzen. Das merkt man nicht zuletzt an den schaurigen Missverständnissen, die durch stenohafte Email-, SMS-, Whatsapp- und Co-Nachrichten entstehen. Verbale Kommunikation ist durch fast nichts zu ersetzen. (Das „fast“ bezieht sich lediglich auf Gebärdensprache.) Man verliebt sich einfach nicht in jemanden, den man nicht hören will.

Stellen Sie sich doch einmal vor, dass Sie morgens neben Ihrem Partner oder Ihrer Partnerin aufwachen und sich schon beim ersten Wort Gänsehaut und Fluchtreflexe breit machen. Richtig gute Voraussetzungen sind das nicht. Deswegen gibt es diese Fälle auch so gut wie nicht.

Insbesondere Frauen haben genaue Vorstellungen, wie die Stimme ihres potenziellen Partners klingen sollte. „Tief soll sie sein.“ „Mmmmhhh, so richtig schön tief.“ Das sind so die gängigen Antworten. Das liegt zum einen daran, dass eine tiefe Stimme auf einen bestimmten Grad an Entspannung hinweist. Zum anderen aber liegt es ganz simpel an den gängigen Klischees: Je männlicher der Mann, desto weiblicher die Frau. Große Männer haben tiefe Stimmen. Mehr Testosteron macht eine tiefe Stimme ... etc.

Stimmt aber alles nicht. Hat alles weder Hand noch Fuß. Es hat sich sogar gezeigt, dass man nicht einmal ganz genau hören kann, ob eine Stimme wirklich eine tiefe Frequenz aufweist. Der akustische Eindruck setzt sich aus noch weiteren Komponenten zusammen. Beispielsweise wirkt eine Stimme, die langsam artikuliert ausgesprochen wird, tiefer als die Stimme eines schnellen Sprechers.

Jetzt halten Sie sich fest! Meine Untersuchungen haben noch etwas anderes gezeigt: Tatsächlich tiefe, als schön empfundene Männerstimmen werden gar nicht unbedingt zur Partnerwahl in Betracht gezogen. Diese klassischen „Vorlesestimmen“ oder auch die Synchronstimme von Robert De Niro (Christian Brückner) sind nicht in erster Linie sexy. Sie schaffen vielmehr ein Gefühl von Sicherheit und Geborgenheit. Die Frauen sagten Dinge wie „Wenn ich die Stimme höre, kann ich einfach so ... hmmmmm ... wegdriften.“ Oder: „Wenn ich die Stimme höre, kann ich super einschlafen.“ Ob das sexy ist, ist natürlich eine individuelle Präferenz.

Männer sprechen oft von der „rauchigen Telefonsexstimme“, die angeblich bei ihnen besonders gut ankommt. Aber auch da kann ich Sie beruhigen: Diese rauchige, als tief empfundene Stimme wird von Männern zwar für Affären und kurze Liebschaften in Betracht gezogen. Zur Partnerwahl sollte eine Frauenstimme allerdings fertil, also fruchtbar klingen. Das sind junge, gesund klingende Stimmen. Ob sie allerdings hoch oder tief klingen sollen, ist den Männern völlig egal. „Hauptsache, nicht quietschig oder schrill.“ Da sind sich die Männer einig.

Aber es gibt kaum Stimmen, die einfach mal eben quietschig und schrill klingen. Auch nicht bei Frauen. Diese akustischen Eigenschaften entstehen durch Aufregung und Emphase. Also wenn sich der Körper des Sprechers (denn es gibt auch Männer die schrill klingen können) anspannt und so der Kehlkopf unbeweglich wird. Die Stimmbänder straffen sich, die Atmung wird flach und eine ungünstige Sprechstimme ist die Folge. Das ist eine sehr normale und menschliche Eigenschaft, die man aber für bestimmte Situationen abtrainieren kann.

Eine Stimme veranlasst immer auch zu Vorstellungen über den Sprecher. In den meisten Fällen allerdings zu falschen. Man kann nicht hören, ob jemand gut aussieht, welche Haarfarbe er hat oder ob er groß oder klein ist. Man kann allerdings hören, ob sich jemand Mühe gibt, verstanden zu werden. Und dieser Punkt ist unbewusst der Schlüssel, wenn man als Sprecher positiv wahrgenommen werden möchte. Je mehr Sprechmelodie zu hören ist, wenn die Aussprache stimmig ist, je besser das Verhältnis von Sprechen zu Sprechpausen ist, desto positiver ist auch das Bild, das von ihm gezeichnet wird. Ein langsames, wenig melodiöses und genuscheltes Sprechen mit vielen Pausen führt dazu, dass dem Sprecher äußerst ungünstige optische Eigenschaften zugeschrieben werden.

Fast jeder kennt das „Radiosprecherphänomen“. Man hört eine Stimme, oft über einen längeren Zeitraum immer wieder. Morgens beim Aufstehen, auf dem Weg zur Arbeit und zurück. Und man meint, genau zu wissen, wie der Sprecher der schönen Stimme aussieht. Heutzutage googelt man die Kandidaten, die von Interesse sind. Früher war das nicht möglich und die Überraschung war groß.

Im Rahmen einer wissenschaftlichen Arbeit untersuchte ich dieses Phänomen. Ein übergewichtiger Sprecher, der einfach nicht dem gängigen Schönheitsideal entsprach, hatte eine sehr wohlklingende Stimme. Die Probandinnen sollten beschreiben, wie sie sich den Sprecher vorstellten.

Schlussendlich lagen mehrere Beschreibungen von sehr gut aussehenden Männern vor. Groß, volle Haare, breite Schultern, muskulös, schöne Hände (!) etc. Als ich den Frauen das Foto des Sprechers zeigte (Übergewichtig, kein einziges Haar ...) waren die Frauen größtenteils amüsiert. Zwei Frauen allerdings waren derart schockiert über diesen Effekt, dass sie vorgaben, diese Stimme niemals positiv bewertet zu haben.

Die Stimme spielt bei der Partnerwahl natürlich eine Rolle. Ebenso wie das Aussehen und bestimme Charaktereigenschaften. Sie ist ein Merkmal eines Menschen, so wie der Gang, die Statur, die Augenfarbe. Aber sie ist das einzige rein akustische Merkmal, das wir zu bieten haben. Und gerade deshalb sollten wir die Stimme nicht übersehen.

Aber wenn wir verliebt sind, sind wir aufgeregt. Wir haben jedoch den großen Vorteil, dass unser Gegenüber oft ebenso aufgeregt ist. Und somit liegen alle Theorien, wie eine Stimme zu klingen hat, damit wir uns verlieben, brach. Zum Glück. Schlussendlich sind wir Menschen, und da gibt es keine mathematischen Gleichungen, die sich aufstellen lassen, um zu garantieren, dass man sich verliebt.

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