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Liebe zu Tieren Wie weit darf Tierliebe gehen?

Darf der Hund ins Bett? Was hat "Animal Hoarding" noch mit Tierliebe zu tun? Experten in Hessen warnen: Wer sein Haustier zu stark vermenschlicht, tut ihm damit keinen Gefallen.

Frisch geschoren: Paco mit Frauchen Alexandra Wenninger. Foto: Andreas Arnold

Vor 35 Jahren gab es zwei Sorten Dosen-Hundefutter im Discounter zu kaufen: Chappi und Pal. Heutzutage stehen auf den grünen Wiesen ganze Supermärkte für Heimtierbedarf. Die Branche boomt. Fast drei Prozent Umsatzplus meldete sie im vergangenen Jahr. In 38 Prozent aller Haushalte würden Tiere gehalten. Ganz vorne: die Katzen. Zeugt das von Tierliebe?

Nicht unbedingt, meint Tierheilpraktikerin Gabi Wonneberger, die in Frankfurt-Niederrad den Hundesalon Mon Chou betreibt – das französische Wort für „mein Liebling“. Nicht alles, was es zu kaufen gibt, sei gut für das Tier. Schuhe zum Beispiel benötige ein Hund in der Regel ebenso wenig wie ein Mäntelchen oder eine rosa Sonnenbrille – „es sei denn, als Windschutz beim Cabriofahren“. Er müsse auch nicht permanent gebadet werden oder mit Käse oder Fleischwurst vollgestopft. „Jüngst war hier ein West-Highland-Terrier, der ist so breit wie kurz.“

Bei Vermenschlichung hört die Tierliebe auf, stimmt ihr Norbert Wenninger (58) zu. Mit Tochter Alexandra (17) schaut er zu, wie unter den Händen Gabi Wollenbergers der Berg brauner Wolle auf dem Boden Minute für Minute wächst. Und Paco, sieben Monate alt, immer schmaler wird. Er ist ein spanischer Wasserhund, ein „Perro de Agua Español“. Wenninger bekommt glänzende Augen, wenn er von seinem Tier spricht: Paco sei treu, ein vollwertiges Familienmitglied, ein toller Spielkamerad, halte einen bei Wind und Wetter auf Trab und fit. „Doch es gibt Grenzen“, betont der 58-Jährige, der sich – wie viele – schon als Kind einen Hund wünschte und einen Fisch bekam. Die Schlafräume seien für Paco tabu. „Ihn mit ins Bett zu nehmen, finde ich unhygienisch.“

Keine artgerechte Haltung

Er täte seinem Schützling damit auch keinen Gefallen, sagt Jürgen Sauer vom Verband für das Deutsche Hundewesen (VDH) Hessen. „Ein Hund im Bett ist keine artgerechte Haltung.“ Er benötige einen Platz, wohin er sich zurückziehen kann. „Er braucht auch mal seine Ruhe.“ Damit ein Welpe zum verträglichen Zeitgenossen heranwächst, müsse ihm auch von Anfang an seine Stellung in der Familie zugewiesen werden – „nämlich ganz hinten“. Verantwortungsbewusste Tierliebe bedeutet für Sauer, Rücksicht auf das Umfeld zu nehmen, seinen vierbeinigen Freund ordentlich zu erziehen, genug Geld für Futter und den Tierarzt zu haben und sich vor der Anschaffung genau nach dem Bedürfnis der jeweiligen Rasse zu erkundigen. Die Vermenschlichung bis hin zu krankhaften Auswüchsen sei keine Tierliebe.

Beispiel Animal Hoarding – das Sammeln von Tieren. Es fängt oft mit ein paar Vögeln, Nagern oder Katzen an. Irgendwann verliert der Halter den Überblick, kommt mit dem Füttern und Sauberhalten nicht mehr nach. Schon vor Jahren hat die hessische Tierschutzbeauftragte Madeleine Martin erstmals auf die quälenden Folgen dieser offiziell nicht anerkannten krankhaften Störung hingewiesen, die für den Hunde-Experten Sauer rein gar nichts mit Tierliebe zu tun hat: „Das ist grenzenloser Egoismus.“

Einem weiteren Missstand hat Martin in ihrem Jahresbericht 2013 ein eigenes Kapitel gewidmet: „Die Zahl sexueller Handlungen an und mit Tieren ist in den letzten Jahren nicht nur in Hessen, sondern bundesweit gestiegen“, schreibt sie darin. Die Täter tauschten sich in Internetforen über Praktiken aus. „Fachleute sprechen bereits von einer Lifestyle-Entwicklung.“ Betroffen seien Hunde und Pferde, Schafe, Kälber, Schweine. Die Tiere erlitten nicht nur kurzzeitige Schmerzen und Schäden. „Oft sind lebenslange Leiden die Folge.“

Sodomie sei sehr selten und deshalb kaum erforscht, sagt Heike Winter, Vizepräsidentin der hessischen Psychotherapeutenkammer. „Sicherlich gibt es das. Es gibt viele perverse Spielarten der Sexualität.“ Begrenzt sei auch das Wissen über die Hintergründe des Animal Hoarding. „Das sieht aus wie eine Zwangsstörung, dass man immer mehr und mehr sammelt.“ Mit Tierliebe habe das wenig zu tun. „Bei 75 Katzen in einem Keller ist die emotionale Beziehung nicht da.“

Winter besitzt selbst einen Hund und hat auch schon Patienten empfohlen, sich ein Haustier zuzulegen – etwa nach dem Tod eines Partners. „Ein Tier befriedigt das menschliche Bedürfnis nach Nähe, Zugehörigkeit, Verstandenwerden“, sagt die Psychotherapeutin, „im weitesten Sinne auch geliebt zu werden.“ Das gelte freilich weniger für einen Goldfisch als für einen Hund oder eine Katze, die einen beim Nachhausekommen freudig begrüßen. Auch der therapeutische Wert sei nicht zu unterschätzen, wie Projekte in Pflegeheimen zeigen: Durch das Berühren des weichen Fells entstehe Oxytocin – das sogenannte Kuschel-Hormon, das auch beim Stillen produziert wird. „Das wirkt sehr beruhigend“, sagt Winter. Die Übernahme von Fürsorge und Verantwortung sei ein weiterer positiver Effekt. „Wenn ein alter Mensch einen Wellensittich bekommt, geht es ihm meist besser.“ Weil er sich nicht mehr alleine fühlt, mit dem Vogel sprechen kann, das Gefühl bekommt, dass er ihn versteht. All das sei positiv, solange das Tier nicht zum „Menschersatz“ mutiert – dass ich denke, ich brauche keinen Kontakt nach draußen. Das komme nicht selten vor, „dass Leute denken, Hunde sind die besseren Menschen“.

Der Pudel als einziger Freund. Auch solche Beziehungen begegnen Gabi Wollenberger bei ihrer Arbeit im Mon Chou in Niederrad. Die betagte Dame in Symbiose mit ihrem betagten vierbeinigen Begleiter. „Sie sagt, dass sie nur darauf wartet, dass er stirbt, damit sie auch sterben kann.“ Bei ihrer Arbeit erfährt sie nicht nur viel über den Hund, sondern auch über seinen Halter. „Der Kunde ist König“, sagt sie und schert Paco zum Schluss den Schwanz, weil Herrchen das so will. Doch die Grenze ist für sie dort, wo ein Tier nicht mehr Tier sein darf. Den Auftrag, zwei weiße Pudel für eine Hochzeit mit rosa und blauer Lebensmittelfarbe einzufärben lehnte sie ab: „So einen Quatsch mache ich nicht.“

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