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Liebe unter Zwang Ein Leben wie das einer Sklavin

Aus dem Alltag einer Inderin, die sich mit ihrer Schwester einen Ehemann teilen muss und für die Gewalt allgegenwärtig ist: „Jeden Tag schlucke ich dieses Leben wie Gift.“

Mira hat aufgegeben zu kämpfen. Foto: Nagender Chhikara

Als Rajivs Körper brannte, zerfiel auch Miras letzte Hoffnung zu Asche. Am Rand des Dorfes, in einem Pavillon aus Stein, standen die Männer der Familie, in Weiß gekleidet. Sie blickten in die Flammen, die aus einem Bett aus Holzscheiten schlugen und nach dem toten Körper griffen. Miras Schwager Rajiv war erst 28 Jahre alt, als er bei einem Unfall starb. Während seiner Verbrennung blieben die Frauen im Haus der Familie. Mira war damals 19 Jahre alt. Sie tröstete ihre ältere Schwester Samira, Rajivs Witwe. Miras eigene Hochzeit lag erst wenige Tage zurück. Es war still an diesem Tag im Haus, bis plötzlich die Mutter zu Mira sagte: „Wir werden deine Schwester auch mit deinem Mann verheiraten.“ In diesem Moment fühlte sich Mira, als ginge sie selbst in Flammen auf. Sie ahnte bereits, dass sie gegen das grausame Vorhaben ihrer Familie machtlos war.

Dieser Tag ist nun schon vier Jahre her. Mira sitzt im Schneidersitz auf einem braunen Polstersessel und stillt ihren zweijährigen Sohn. „Meine Ehe dauerte nur zehn Tage“, sagt sie bitter, „dann haben sie meine Schwester zur zweiten Ehefrau meines Mannes gemacht.“ Es ist halb sieben am Morgen und still im Haus. Weil ihr Mann noch schläft und ihre Schwester draußen die Tiere versorgt, kann Mira offen reden. Während sie vom Unfalltod ihres Schwagers erzählt, brennt draußen bereits die Sommersonne auf die Erde des kleinen Dorfes im nordindischen Bundesstaat Haryana. Heißer Wind weht durch die geöffnete Tür hinein, es riecht nach Kuhdung.

In den Dörfern herrschen andere Gesetze

Mira ist erst 24, doch sie sieht alt aus. Ein rosa Kopftuch umrahmt die graue Haut ihres müden Gesichts. Ihre Augen liegen tief und haben schwarze Ränder. Die Zwänge der indischen Tradition haben ihr die Anmut geraubt. Mira führt das typische Leben einer indischen Dorffrau. „Frauen in Indien leben als Sklavinnen. Erst bedienen sie ihre eigene Familie und nach der Hochzeit bedienen sie die Familie des Ehemannes“, erklärt sie. Mira wurde zwangsverheiratet. Die Entscheidung ihrer Familie, die verwitwete Schwester ebenfalls mit ihrem Mann zu verheiraten, war nicht ungewöhnlich. Polygamie ist zwar in Indien gesetzlich verboten, doch in den Dörfern außerhalb der Metropolen herrschen andere Gesetze. In manchen Gegenden ist es nach Todesfällen gängige Praxis, junge Witwen in die Obhut eines Bruders des Verstorbenen zu geben, auch wenn der bereits verheiratet ist. „Damit haben sie meine Schwester und mich zu Feindinnen gemacht“, sagt Mira. Anders als ihre heute 28-jährige Schwester Samira kann sich Mira mit der Situation nicht abfinden. „Jeden Tag schlucke ich dieses Leben wie Gift“, sagt sie.

Als plötzlich das Schlurfen von Gummisandalen auf der Treppe zu hören ist, bricht Mira das Gespräch ab. Kurz darauf betritt ihre Schwester den Raum. Wortlos steht Mira auf und beginnt mit der Hausarbeit. Sie befeuchtet einen Lappen und wischt in der Hocke den Staub vom weißen Steinboden im Flur. Ihre Schwester Samira setzt sich auf eine Treppenstufe und sieht auf Mira herab.

Samira war stolz, als sie mit Rajiv verheiratetet wurde. Sie hatte sich immer ein Leben an der Seite eines starken Mannes wie ihm gewünscht. Genügsam arbeitete sie für ihn im Haushalt, legte ihm seine Anziehsachen heraus und machte sich für ihn schön, wenn er von der Arbeit nach Hause kam. Ihr Ehemann behandelte sie dafür wie eine Königin. Überall prahlte er mit ihrer Schönheit. Andere Frauen im Dorf beneideten Samira darum. Rajiv war Geschäftsmann, arbeitete in der Stadt und verdiente im Verhältnis zu den anderen Männern im Dorf viel Geld. Als seine Frau genoss Samira hohes Ansehen. Die Geburt ihres Sohnes vollendete ihr Glück.

Als ihre jüngere Schwester Mira mit Rajivs Bruder Sanjay verheiratet wurde, freute sie sich, denn sie wusste, dass Mira neben ihr unscheinbar wirkte. Sie würde sie nie von ihrem Thron in Haus und Dorf verdrängen können, stattdessen würde sie ihr bei der Hausarbeit Lästiges abnehmen. Zehn Tage nach der Hochzeitsfeier geschah das Unglück. Rajiv fuhr abends noch einmal mit dem Auto fort. Auf der Autobahn verlor ein betrunkener Fahrer die Kontrolle über seinen Lastwagen und prallte frontal mit Rajivs Wagen zusammen. Der war sofort tot.

An den Toten erinnert nur noch das Hochzeitsbild

Seit diesem Tag im November vor vier Jahren ist der jüngere Bruder Sanjay der Mann im Haus. An den Toten erinnert nur noch das große Hochzeitsbild im Schlafzimmer. Als Sanjay an diesem Morgen aus dem Schlafzimmer kommt, hält er seine dreijährige Tochter im Arm. Die Kleine reibt sich den Schlaf aus den Augen. Beide Frauen springen auf, um ihm das Frühstück zuzubereiten. In der Küche ist es eng, bei der Arbeit rempeln sich die Schwestern an.

Nach Rajivs Tod hatte Samira mehrere Gründe, einer Verheiratung mit Sanjay zuzustimmen, sagt sie. So konnte sie ihr Leben im Dorf behalten, musste keinen anderen Mann heiraten, der womöglich ihren Sohn nicht akzeptiert hätte. Und sie wusste, dass sie ihre kleine Schwester dominieren würde. Sie wusste auch, dass sie Sanjay für sich gewinnen würde. Während die beiden zusammen frühstücken, berühren sich ihre Hände wie zufällig, immer wieder.

Die Mahlzeit fällt wie immer klein aus, denn das Geld der Familie ist knapp. Sanjay arbeitet als Bauer, doch seine Landwirtschaft wirft nicht genügend ab. Mira verdient den Löwenanteil. Sie arbeitet als Lehrerin in der Dorfschule. Im Monat verdient sie 3000 Rupien, umgerechnet etwa 40 Euro. Das Geld sieht sie nie. Ihr Ehemann bekommt es vom Schuldirektor bar auf die Hand. Bevor sie heute zur Schule aufbricht, will sie ihre Tochter anziehen. Doch die windet sich auf dem Fußboden und weint. Sie will nicht in die Vorschule gehen. Mira bleibt streng: „Bildung ist ihre einzige Chance auf ein besseres Leben“, sagt sie. Doch Sanjay fällt ihr ins Wort: „Wenn meine Tochter nicht in die Schule will, muss sie auch nicht“, sagt er im Befehlston. Mira duckt sich und verlässt das Haus ohne ihre Tochter. Sie fürchtet sich vor einem Streit mit Sanjay.

„Hände wie Steine“

Ihr Mann gehört – wie sie selbst – zur Kaste der Jats. Jats sind im unteren Mittelstand angesiedelt und bekannt für ihre körperliche Stärke. Sie arbeiten hauptsächlich als Bauern. Aber auch bei der Polizei und in der Armee sind sie aufgrund ihrer Stärke begehrt. Im Dorf sagen die Leute über Sanjay, er habe „Hände wie Steine“. Seine Felder, auf denen er Weizen und Rüben anbaut, pflüge er nur mit einer Spitzhacke. Seine Kraft setzt er auch gegen seine Frauen ein. Schläge seien nötig, um sie zu beruhigen, sagt er.

Auf dem Weg zum Unterricht erzählt Mira, wie hoffnungsvoll ihr Leben begonnen hatte. Sie ist in Delhi aufgewachsen und kannte den Einfluss der Moderne, die immer mehr in die indische Hauptstadt einzog. Sie traf moderne Frauen, die arbeiteten und eigenes Geld verdienten. In ihrer Verwandtschaft hatte es sogar schon Liebeshochzeiten gegeben. Auch ihre konservativen Eltern konnten sich nicht ganz dem Druck der neuen Freiheiten, die die Stadt ihrer Tochter bot, entziehen. Am Anfang waren es nur Oberflächlichkeiten, die Mira für sich forderte. Sie wollte Jeans tragen oder englische Musik hören.

Da ihre ältere Schwester ihr ein traditionelles Leben nach dem Geschmack ihrer Eltern vorlebte, wusste Mira schnell, was sie nicht wollte. „Meine Schwester ist gerne eine Dorffrau“, sagt sie, „sie ist ungebildet, gehorsam, fleißig und schön. Ich bin anders.“ Und so begann sie ihren ersten Kampf. Sie wollte ein unabhängiges Leben führen, auf eigenen Beinen stehen. Wegen ihres Talents für Kosmetik fand sie schnell einen Job und verdiente in einem Studio erstes Geld. Am Monatsende zwangen ihre Eltern sie, ihr Geld abzugeben. Eines Tages verliebte sie sich: „Ich habe ihn auf einer Familienfeier gesehen.“ Eine Tante besorgte ihr seine Telefonnummer. Beim ersten Anruf sprachen sie schon über ihre Hochzeit – denn in Indien bringt oft nur eine Hochzeit die Möglichkeit, offen eine Beziehung zu leben. „Er hat mir romantische Dinge gesagt“, erinnert sie sich. Er habe ihr an seiner Seite ein Leben in der Stadt versprochen, ein eigenes Kosmetikstudio, und dass sie über ihr eigenes Geld verfügen darf. „So wollte ich leben“, sagt sie.

Heimlich trafen sie sich und schmiedeten einen Plan. Da Mira die ablehnende Haltung ihrer Eltern zu Liebeshochzeiten kannte, suchte sie Rat bei einem Onkel, dem sie vertraute. Sie hielt ihn für besonders liberal und im Verbund der Großfamilie mächtig genug, um sich gegen ihre Eltern durchzusetzen. „Diese Entscheidung war der Fehler meines Lebens“, sagt sie heute. Der Onkel war nicht der, für den sie ihn hielt. Als sie sich ihm anvertraute, ließ er sie ins offene Messer laufen. Er veranstaltete eine Szene, berief den Familienrat ein, der sein grausames Urteil noch am selben Tag fällte. Unter Beleidigungen und sogar Morddrohungen wurde Miras Freund aus dem Haus gejagt. Mira schrie und kämpfte vergebens. Nur wenige Tage später präsentierte Miras Familie ihr ihren zukünftigen Ehemann – Sanjay, den ungebildeten und arbeitslosen Bauern und Bruder ihres Schwagers. Für die Familie ein Glücksgriff – Mira und ihre Schwester Samira würden in einem Haus leben und die Mitgift musste bei diesem Arrangement nicht mehr so hoch ausfallen. Man hatte sich schließlich schon für die Verheiratung der älteren Tochter finanziell völlig verausgabt und die Schwiegereltern milde gestimmt.

Mira war entsetzt. Sie wollte sich diesem Schicksal nicht kampflos ergeben. Doch als sie ihre Wut den Eltern vortrug, packte sie ihr Bruder am Arm und zerrte sie ins Nebenzimmer. Als er sie wieder herausließ, hatte Mira keine Einwände mehr gegen ihre Verheiratung. Mit Gewalt hatte er ihren Willen gebrochen. Was genau damals in dem Zimmer geschehen ist, will sie nicht verraten.

Nach der Hochzeit mit Sanjay half ihr ihr Optimismus, stark zu sein. „Ich habe mir gewünscht, dass er mich liebt und mich begehrt“, sagt sie, „und dass wir zusammen in die Ferien fahren und etwas Romantisches erleben. Ich wollte mit ihm ins Kino gehen.“ Diese Hoffnung hielt nur zehn Tage. Als ihr Schwager starb und die Familie den Plan bekanntgab, ihrem Mann auch ihre ältere Schwester Samira als Frau zu geben, hoffte Mira noch, dass ihr Mann und ihre Schwester sich dagegen wehren würden. Doch es war wieder einmal nur sie, die ihre Stimme erhob. Ihre Mutter machte ihr Vorwürfe, inszenierte gar einen filmreifen Schwächeanfall. Dabei schrie der Bruder Mira an: „Du Egoistin, du bringst noch unsere Mutter um!“ Sie ergab sich.

An den Tag, an dem Sanjay und Samira nach ihrer Hochzeit zum ersten Mal das Haus betraten, kann Mira sich genau erinnern. Sie war eifersüchtig. „Ich war verletzt und weinte“, sagt sie. Ein Streit eskalierte. Sanjay und Samira griffen plötzlich nach ihr: „Sie haben mir Kleider in den Mund gestopft, damit die Nachbarn meine Schreie nicht hören“, sagt sie und erzählt, wie ihr Mann und ihre Schwester auf sie einschlugen. Erst mit Fäusten, dann mit Gegenständen. „Ich dachte, sie schlagen mich tot“, sagt sie. Seit diesem Tag habe Sanjay sie immer wieder geschlagen, wenn sie eifersüchtig war oder es aus anderen Gründen Streit gab. Einmal hat er sogar einen Stuhl nach ihr geworfen. Ihre Hand platzte auf. Die Wunde hätte genäht werden müssen, doch für eine Behandlung beim Arzt gab er ihr kein Geld. Eine lange Narbe in der Handfläche erinnert sie heute noch daran.

Sanjay schläft mit Samira, wenn Mira nicht im Haus ist, sagt er. Mira nehme er nachts, weil sie in einem Zimmer schlafen. Wenn die Frauen nicht wollten, dann gehe er hinaus, um sich abzulenken. Manchmal nehme er sich aber auch einfach das, was er braucht. Vor seinen Freunden prahlt er: „Welcher Mann träumt nicht von zwei Frauen?“ Später räumt er ein, dass es am Anfang schon schwer gewesen sei mit seinen zwei Frauen, „wegen der Eifersucht“. Doch er habe mit „Härte durchgegriffen“. Nun seien alle glücklich. Dafür würde er sorgen.

Als es dämmert, ist Mira längst zurück aus der Schule. Sie spielt mit ihren Kindern, als ihre ältere Schwester zum Aufbruch ruft. Jeden Abend will Samira ihre Freundinnen besuchen. Mira muss sie begleiten, auch wenn sie nichts mit den Frauen des Dorfes verbindet. „Wir gehen immer zusammen“, sagt Samira und strahlt, „wir sind Schwestern, das muss so sein. Sonst würden die anderen über uns lästern.“ Sie nehmen ihre Kinder und verlassen das Haus. Bockig lässt Mira ihre Sandalen über den Boden schleifen. Jeder Schritt wird zum Kratzen auf staubiger Straße. Manchmal tritt sie absichtlich in Kuhmist, um Reste davon ins Haus der anderen zu tragen. Doch ihre Rebellion bleibt unerkannt.

Ehrenmorde sind keine Seltenheit

Im Innenhof eines Hauses hocken sie auf Pritschen. Nur das fahle Licht des Mondes erhellt ihre Gesichter. Es sind Frauen jeden Alters, alle in traditioneller Kleidung, in der Männer ihre Figuren höchstens erahnen können. Die Jüngeren halten Babys im Arm. Miras Kinder spielen mit einer Taschenlampe. Mira sitzt abseits, Samira nimmt in der Mitte der Frauen Platz. Sie lästern über den Busen der Nachbarin, der beim Wasserpumpen kurz sichtbar war: „Schamlos“ finden sie das. Die Rede kommt auf die Schwester einer der Anwesenden. Sie gesteht, dass diese mit einem Mann aus einer anderen Kaste durchgebrannt ist: „Ich hasse sie jetzt“, sagt sie, die Familie habe die ehrlose Schwester verbannt. „Ihr solltet sie töten“, sagt eine Alte, „das will die Tradition.“ Die anderen Frauen stimmen ein: „Ja, sie soll getötet werden.“ Ehrenmorde sind in der Kaste der Jats keine Seltenheit. „Das verlangt die Tradition und die Gesellschaft von uns“, erklärt die Alte. Angst, für einen Ehrenmord ins Gefängnis zu gehen, hat hier niemand: „Da halten wir als Dorfgemeinschaft zusammen, die Polizei eingeschlossen“, sagt eine andere und lacht.

Geholfen, einen Mord zu vertuschen, hätten sie alle schon einmal. Das letzte Mal sei etwa ein halbes Jahr her. Eine junge Frau habe sich in einen Nachbarn verliebt, in den Feldern soll sie beim Sex mit ihm erwischt worden sein. Jede Intimität zwischen Männern und Frauen vor der Hochzeit sei verboten, erklärt die Alte. Jeder Mann wolle schließlich eine Jungfrau heiraten. Deshalb sei es wichtig, die eigenen Töchter von allen Männern, die nicht ihre Brüder sind, abzuschirmen: „Sonst haben sie Sex. Liebe ist sowieso nicht erwünscht“, sagt die Alte. „Oder liebt ihr etwa eure Ehemänner?“, fragt sie in die Runde. Alle Frauen schütteln wild ihre Köpfe und lachen. „Liebe und Liebesheiraten“, sagt die Alte, „diese Moderne aus der Stadt zerstört unsere Tradition. Das dürfen wir nicht zulassen.“ Die ehrlose Tochter und den ehrlosen Nachbarn habe man mit Gift gefüttert und sie auf den Feldern mit Backsteinen erschlagen, sagt die Alte. Verbrannt worden seien sie nicht, das wäre zu riskant: „Wir haben die Einzelteile auf den Feldern verteilt.“ Ein Polizist wird diese Praxis später bestätigen: „Wir Jats kümmern uns auf unserem Land selbst um Recht und Ordnung“, sagt er, „die Gesetze machen die Dorfältesten.“ Er lacht, und sagt, dass die Regierung kein Problem sei. Die kümmere sich nur darum, sich selbst zu bereichern. Nur die Medien, die müsse man fernhalten.

Die Frauenrunde ist bei einem neuen Thema: Eine 19-Jährige hat ihr erstes Kind bekommen, einen Jungen. Die Feierlichkeiten müssen vorbereitet werden. Samira gratuliert der stolzen Mutter. Alle Frauen wollen einen Jungen bekommen, erklärt Samira. Ein Mädchen sei schließlich eine Last. Für sie muss bei ihrer Hochzeit Mitgift bezahlt werden. Sie wird in der Familie des Mannes leben und kann ihre Eltern im Alter nicht versorgen. Aber töten würden sie kein Baby, wenn es ein Mädchen geworden ist, da sind sie sich einig. Stolz erklären alle anwesenden Frauen, dass sie glücklicherweise nur Jungen auf die Welt gebracht haben.

Plötzlich ertönt ein Räuspern. Alle Frauen greifen nach ihrem Kopftuch und ziehen es sich vors Gesicht. Der Mann des Hauses tritt durch das Eingangstor. Er sieht nur das Gesicht seiner eigenen Ehefrau. Er beendet den Frauenabend. Sofort stehen alle auf, sorgsam darauf bedacht, dass ihre Kopftücher ihre Gesichter bedecken. Sie nehmen ihre Kinder und gehen nach Hause. Als Sanjay an diesem Abend kommt, riecht er nach Whisky. Oft, wenn er getrunken hat, will er Mira anfassen. In der Nacht ist sie für sein Verlangen zuständig. Ihre Schwester schläft mit den Kindern in einem anderen Zimmer. Als er an diesem Abend ins Schlafzimmer kommt, springt Mira vom braunen Polstersessel auf. Sie tut so, als hätte sie vergessen, die Büffel ans Wasser zu führen, und verlässt noch einmal das Haus. Der See, an dem die Tiere trinken, liegt neben den Verbrennungsstätten des Dorfes. Hier hat auch Rajivs Körper einst gebrannt. Ein Haufen aus Asche liegt in einem Steinpavillon. Mira atmet tief durch. Es ist still, kühler Wind kündigt die Nacht an. Als sie ihren Blick vom Sandboden hebt, rutscht ihr rosa Kopftuch auf ihre Schultern und entblößt ihr schwarzes Haar. Sie sieht zum Horizont „Eines Tages, wenn meine Kinder mich verstehen, dann gehe ich mit ihnen zurück nach Delhi“, sagt sie.

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