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Interview mit Evolutionsbiologe „Wir sind für die Liebe gemacht“

Der Evolutionsbiologe Thomas Junker erklärt, warum schon die Jäger und Sammler monogam lebten, weshalb wir alle ein bisschen bisexuell sind und was die Hodengröße mit Treue zu tun hat.

„Die romantische Liebe liegt in der Natur des Menschen“, sagen Sabine Paul und Thomas Junker. Sie begeistern sich beide für die Evolutionsbiologie und haben zusammen mehrere Bücher verfasst. Sie sind seit sieben Jahren ein Paar und haben sich vor 19 Jahren an der Uni kennengelernt. Foto: Andreas Arnold

Herr Junker, gibt es die Liebe und den Sex nur, um Kinder zu bekommen?
Sicher nicht. Liebe und Sex können viele Formen annehmen und den unterschiedlichsten Zwecken dienen. Aber man sollte nicht vergessen, wozu das Ganze ursprünglich einmal gut war und welchen biologischen Sinn es heute noch hat. Auch die romantische Liebe gehört zur Natur des Menschen, was man an der Tatsache erkennen kann, dass es – von wenigen Ausnahmen abgesehen – kein Volk gibt, das nicht in Geschichten und Liedern von diesem Gefühl erzählt.

War das schon immer so?
Da alle heute lebenden Menschen von gemeinsamen Vorfahren abstammen, die vor 60 000 bis 100 000 Jahren lebten, haben wohl schon diese frühen Menschen die romantische Liebe gekannt. Ansonsten müsste man annehmen, dass sie sich unabhängig mehrfach entwickelt hat, was eher unwahrscheinlich ist.

Welche Funktion hat Liebe denn?
Wenn sich zwei Menschen verlieben, dann ähnelt das einer Sucht. Die körperlichen Begleiterscheinungen sind erstaunlich ähnlich. Man kennt einige der chemischen Botenstoffe der Verliebtheit, beispielsweise das Dopamin, und kann den Zustand mit Gehirnscans verfolgen. Bei der Verliebtheit fokussiert man sich sehr stark auf eine Person und blendet alles andere aus. Dies ist wichtig, um die anfängliche Fremdheit zu überwinden, ein Gefühl der Nähe zu erzeugen und gemeinsame Ziele zu finden.

Welche Ziele sind das?
Das ursprüngliche gemeinsame Ziel war sicher die Fürsorge für den Nachwuchs. Man geht davon aus, dass die Kinderaufzucht beim Menschen schon seit sehr langer Zeit, vielleicht schon seit zwei Millionen Jahren, so aufwendig ist, dass die Mütter sie kaum alleine bewältigen konnten. Es ist schwer vorstellbar, dass eine Menschenmutter in der Lage war, gleichzeitig ihr Kind umherzutragen, Nahrung zu sammeln und sich gegen Angreifer und Raubtiere zu verteidigen. In dieser Situation waren die Frauen auf Hilfe angewiesen. Diese bekamen sie sicher zum Teil von ihren Verwandten. Aber es spricht viel dafür, dass die zusätzliche Hilfe der Männer willkommen war.

Das klingt jetzt sehr ökonomisch. War das denn auch eine romantische Liebe?
Ja, sicher. Aber man sollte zwischen dem evolutionären Sinn einer Verhaltensweise trennen und dem, was wir dabei empfinden. Um das Richtige zu tun, muss man nicht wissen, was es für einen biologischen Sinn hat. Ein Mensch, der ein Gefühl hat, muss nicht wissen, warum er dieses Gefühl hat, er muss sich nur entsprechend verhalten. Ein Tier weiß ja auch nicht, warum es atmet. So ähnlich verhält es sich mit der Liebe. Das romantische Gefühl entsteht unabhängig davon, ob wir wissen, woher es kommt. Man könnte sogar argumentieren, dass es eher stört, wenn man sich zu viele Gedanken macht. Und es ist sicher nicht empfehlenswert, darüber nachzudenken, welche genetischen Vorteile der Partner hat und welche chemischen Botenstoffe eine Rolle spielen, wenn man sich verliebt. Sondern man sollte darauf vertrauen, dass unser Körper in der Regel schon die richtigen Entscheidungen trifft.

Man kann doch aber auch Lust auf Sex haben, ohne verliebt zu sein.
Die Frage, wie der Wunsch nach Sex mit der romantischen Liebe zusammenhängt, ist nicht ganz einfach zu beantworten. Bei der Mehrzahl der Tierarten gibt es das eine sehr wohl ohne das andere. Wenn wir also eine der Tierarten wären, bei der Männer und Frauen getrennte Wege gehen, dann gäbe es nur One-Night-Stands. Aber so ist es ja nicht, sondern in der Evolution der Menschen ist eine enge Verbindung von Sex und Verliebtheit entstanden. Letztlich wegen der Notwendigkeiten, die mit unserer speziellen Fortpflanzungsbiologie einhergehen.

Das heißt, wenn die Kinderaufzucht einfacher wäre, dann gäbe es keine romantische Liebe?
Ganz genau. Insofern kann man zugespitzt sagen: Die romantische Liebe ist ein Kind der Kinder und der Eifersucht. Woher die Biologen das wissen? Wenn man sich die Stammbäume verschiedener Tiergruppen ansieht, dann kann man ableiten, dass zuerst die Männchen begannen, die Weibchen zu bewachen und sexuell zu kontrollieren. Da sie nun schon einmal da waren, konnten sie sich auch im eigenen Interesse um den Nachwuchs kümmern. Dieser doppelte Ursprung der romantischen Liebe erklärt, warum sie nicht so selbstlos ist, wie man das gerne hätte. Und kaum vermeidbare Schattenseiten hat. Der Wunsch, dem anderen ständig nahe zu sein, nährt sich ja auch aus der Eifersucht und kann bis zum Stalking gehen. Auch wegen dieser Ambivalenz ist die Liebe so oft mit Leid verbunden.

Aber das nehmen die meisten doch in Kauf. Der Liebes-Trieb ist also stärker als die Angst vor Zurückweisung?
Genau. Wir überwinden Angst und Scham und nehmen all die Mühen und Gefahren auf uns, weil wir biologisch gar nicht anders können als zu lieben.

Das ist aber ganz schön unromantisch.
Der biologische Mechanismus ist in der Tat total unromantisch (lacht). Die Frage ist, ob es unsere romantischen Gefühle stört, wenn wir das wissen.

Eigentlich nicht.
Das denke ich auch. Wir können ja auch ein gutes Essen genießen, obwohl wir wissen, dass wir essen müssen, wenn wir nicht verhungern wollen.

Der Mensch ist aber nicht nur ein biologisches, sondern auch ein von der Kultur geprägtes Wesen.
Richtig. Aber ich bin überzeugt, dass unser Verhalten in den Grundzügen von der Biologie bestimmt wird und die Kultur sozusagen das Feintuning übernimmt. Die Paarbindung beispielsweise lässt sich als ein biologischer Instinkt verstehen, der von den verschiedenen rechtlichen Formen der Ehe modifiziert wird. Wie eng die Biologie unser Verhalten begrenzt, sieht man im Kulturvergleich. Das soziale Zusammenleben der Menschen ist doch überall sehr ähnlich. Wir leben immer in sozialen Gruppen. Die bei Säugetieren am häufigsten vorkommende einzelgängerische Lebensweise gibt es dagegen nur in seltenen Ausnahmenfällen. Es gibt auch keine Gesellschaft, in der sich dauerhaft ein System wie bei den Schimpansen durchgesetzt hat. Die Schimpansen, immerhin unsere nächsten Verwandten im Tierreich, leben in gemischten Gruppen, in denen alle Männchen mit allen Weibchen in aller Öffentlichkeit Sex haben.

Beim Menschen nicht vorstellbar.
In der Geschichte der Menschheit wurde mehrfach versucht, die Zweierbeziehung durch sogenannte Gruppenehen zu ersetzen. Zum Beispiel in den Kommunen der siebziger Jahre oder in verschiedenen Sekten. Diese Versuche sind allesamt nach wenigen Jahren gescheitert. Die einzige echte Konkurrenz zur Monogamie ist die Polygamie. Dabei leisten sich wenige mächtige Männer mehrere Frauen. Wenn man sich heutige Jäger-und-Sammler-Völker ansieht, dann kann dies aber nicht die Lebensweise unserer frühen Vorfahren gewesen sein, sondern die polygame Lebensweise hat sich erst mit der Zivilisation durchgesetzt. Die Jäger und Sammler leben überwiegend monogam, weil Gruppen instabil wären, in denen sich ein Mann mehrere Frauen reservieren würde, während andere leer ausgehen. Da die Männer und Frauen in diesen kleinen Gruppen aufeinander angewiesen sind, werden egoistische Sonderrechte normalerweise nicht geduldet.

Wenn es die Paarbeziehung also nur gibt, damit der Nachwuchs aufgezogen werden kann, warum trennen sich dann Frauen und Männer nicht, sobald das Kind aus dem Haus ist?
Tun sie doch. Die Scheidungshäufigkeit nimmt nach vier Jahren drastisch zu. Man redet immer vom verflixten siebten Jahr, doch es ist das vierte.

Aber mit vier ist doch heute noch kein Kind selbstständig.
Heute nicht mehr. Es geht im Grunde darum, wann das Kind abgestillt ist.

Dann könnte das Kind auch von anderen und der Gruppe betreut werden.
Genau. Kinder wurden immer schon von anderen mitbetreut, den Großeltern zum Beispiel. Dann sind Mutter und Vater nicht mehr so notwendig und die Trennungsrate geht hoch.

Was ist mit Paaren, die in einer romantischen Zweierbeziehung leben und keine Kinder wollen?
Kinder sind der ursprüngliche, aber nicht der einzig mögliche Zweck für eine Partnerschaft. Das, was wir als Liebe bezeichnen, ist ein Mechanismus, der in der Evolution entstanden ist. Sein Ursprung ist wahrscheinlich die Mutterliebe. Diese enge emotionale Beziehung gibt es bei allen Säugetieren. Das ist sozusagen das Ur-Modell, auf dem Liebe aufbaut. Aus der Mutterliebe hat sich als eine Art Ableger die partnerschaftliche Liebe entwickelt. Bei beiden Varianten werden ähnliche Hormone ausgeschüttet. Man hat festgestellt, dass stillende Mütter und verliebte Paare Oxytocin ausschütten. Daher kommt auch das Phänomen, das manche Frauen beim Stillen einen Orgasmus bekommen. Das ist typisch für die Biologie. Es wird nichts Neues erfunden, sondern etwas benutzt, das schon da ist. So ähnlich verhält es sich mit den Vogelfedern. Ihr Zweck war zuerst die Wärmeisolierung, dann wurden sie zum Fliegen und als Schmuck benutzt.

Romantische Liebe, wie wir sie heute kennen, hat sich also schon abgelöst von dem biologischen Mechanismus?
Abgelöst würde ich nicht sagen, sondern es kamen neue Funktionen hinzu. Mit romantischer Liebe, also der ersten Phase der Beziehung, wird die anfängliche Fremdheit überwunden und man nähert sich an. Im weiteren Verlauf entsteht dann Freundschaft, Nähe und Vertrauen – die partnerschaftliche Liebe, die länger hält als Verliebtheit. Wenn ein Paar keine Kinder hat oder sie aus dem Haus sind, dann können andere Gemeinsamkeiten und Projekte an ihre Stelle treten – der Beruf, Hobbys, Interessen. Ein Kind ist ja auch ein gemeinsames Projekt. Wenn ein Mechanismus wie die Paarbindung erst einmal in der Evolution entstanden ist, dann lässt er sich auch für andere Zweck verwenden.

Männer waren wählerisch

So ist es auch beim Sex.
Sex war ursprünglich an die Fortpflanzung gekoppelt, aber er hat beim Menschen und vielen anderen Tierarten neue Funktionen dazugewonnen. Wie bei der Vogelfeder ist die alte Funktion von den neuen nicht verdrängt worden, sondern beide bestehen nebeneinander und können sich auch einmal in die Quere kommen.

Welche Funktionen hat Sex neben der Reproduktion?
Als erstes hat er eine wichtige Funktion bei der Partnerwahl, weil man sich dabei sehr intensiv kennenlernt. Es ist sehr auffällig, dass die Partnerwahl im Internet trotz komplizierter Kalküle nur sehr unzureichend funktioniert. Das liegt daran, dass ein Teil der Informationen, die wir brauchen, fehlt. Ganz wichtig ist der Geruch, aber auch andere sinnliche Eindrücke, beispielsweise beim Küssen. Dabei fragen wir uns, wie fühlt sich das an, und wir checken uns biochemisch ab. Eine weitere Ebene ist der Sex, bei dem man auf eine einzigartig intime Weise erfahren kann, ob man zueinander passt. Das heißt, man muss Sex haben können, ohne dass es gleich zur Schwangerschaft kommt, denn sonst könnte man nicht mehrere Partner ausprobieren.

Wie haben das unsere Vorfahren ohne Pille, Kondom und Co. gemacht?
Man hat untersucht, wie groß bei Naturvölkern die Wahrscheinlichkeit ist, dass Frauen schwanger werden. Das erstaunliche Ergebnis war: Nur an einem von 100 Tagen besteht überhaupt die Möglichkeit der Schwangerschaft. Für die !Kung in Südwestafrika (das Ausrufezeichen steht für einen Klicklaut, Anm. d. Red.) hat man ausgerechnet, dass sie im Durchschnitt 600-mal Geschlechtsverkehr pro Geburt haben.

Müsste die Wahrscheinlichkeit bei Europäerinnen, die nicht künstlich verhüten, nicht genauso niedrig sein?
Das ist nicht das gleiche, weil wir anders ernährt sind und dadurch die Fruchtbarkeit angestiegen ist. Dies beginnt schon in der Pubertät. !Kung-Mädchen haben erst mit 17 Jahren die erste Regelblutung; danach folgt eine fast zweijährige Adoleszenz-Sterilität, in der sie keine Kinder bekommen können. Zwischen dem Erwachen der Sexualität und der frühesten Möglichkeit einer Schwangerschaft liegen also mehrere Jahre, in der sich Erfahrungen sammeln und mögliche Partner testen lassen.

Was ist von „Female choice“ zu halten – der These, dass Frauen diejenigen sind, die die Entscheidung über eine Beziehung treffen, also den Partner aussuchen?
Im Tierreich ist das meistens so. Das kann man daran feststellen, ob ein Geschlecht sogenannte Schönheitsmerkmale hat. Das heißt, der männliche Pfau hat einen auffälligen Federschmuck, weil die Pfauenweibchen die Männchen mit den schönsten Federn wählen. Diese Schönheits-Merkmale entstehen, wenn die Männchen für sich werben müssen. Und man macht natürlich nur Werbung, wenn das andere Geschlecht wählt.

Nun legen sich beim Menschen vor allem Frauen optisch ins Zeug, oder?
Das heutige Ungleichgewicht ist wahrscheinlich überwiegend kulturell bedingt. In der Renaissance haben sich die Männer noch mehr aufgebrezelt. Auch die Körperform, die maskuline Behaarung und andere Merkmale beim Mann lassen darauf schließen, dass beim Menschen beide Geschlechter wählen. Die Tatsache, dass Frauen schön sind, dass sie glatte Haut, Busen und Taille haben, ist jedenfalls ein eindeutiger Hinweis darauf, dass Männer in der Evolution sexuell wählerisch waren. Aber warum? Weil der Sex nicht folgenlos war, sondern sie damit rechnen mussten, dass sie sich für den gemeinsamen Nachwuchs engagieren mussten. Frauen wären also nicht so schön, wenn die Kinderaufzucht nicht so aufwendig wäre. Kurz: Weil der Nachwuchs viel Pflege braucht, brauchen die Frauen die Männer, und weil sie die Männer brauchen, müssen sie Reklame für sich machen.

Waren die Jäger und Sammler vor zwei Millionen Jahren treu?
Sicher nicht völlig, aber sie waren auch nicht ständig untreu. Dies lässt sich an körperlichen Merkmalen wie der Form des Penis und der Größe der Hoden ablesen. Die Eichel des Mannes ist glatt, bei den Schimpansen hat sie Borsten. Die Borsten haben den Zweck, das Sperma des Vorgängers aus der Vagina zu kratzen. Das macht in einem System Sinn, in dem die Weibchen innerhalb kurzer Zeit mit vielen Männchen kopulieren. Aus der Tatsache, dass dieses Merkmal bei den Männern verschwunden ist, kann man schließen, dass sie nicht mehr ständig damit rechnen mussten, dass die Frau, mit der sie schlafen, kurz vorher einen anderen hatte. Sie konnten ihren Penis also anderweitig nutzen. Mit der glatten Oberfläche ist er ein besseres Sinnes- und Stimulationsorgan. Das zweite Merkmal ist die Hodengröße. Bei Tierarten, bei denen die Männchen viel Sperma produzieren müssen, weil sie mit vielen Weibchen kopulieren, sind die Hoden größer. Im Vergleich zu den Schimpansen sind die menschlichen Hoden eher mickrig. Daraus lässt sich schließen, dass Frauen in der Evolution nicht regelmäßig parallel mit mehreren Männern geschlafen haben.

Wir sind also monogam und treu. Klingt doch wieder etwas romantischer.
Biologisch gesehen ist die Paarbindung in uns angelegt. Biologisch gesehen sind Menschen für die Liebe gemacht und können ohne die Liebe nicht leben. Das fängt bei der Mutterliebe an, geht weiter mit der partnerschaftlichen Liebe und führt zur Liebe zu Institutionen oder Ideen. Wir haben eine ganz starke Tendenz dazu, uns emotional an Dinge zu binden. Das kann natürlich auch den Nachteil haben, sich an Ideologien oder Dinge zu binden, die es nicht verdienen.

Wie verhält es sich mit der Liebe zu Institutionen oder zu Gott?
Es ist auffällig, wie sehr die religiöse Verzückung an erotisches Verhalten erinnert. Außerdem werden familiäre Konstellationen reproduziert. Die Rede von Gottvater beispielsweise greift auf Familienstrukturen zurück. Ähnliches gilt für Marienbilder. Die Nähe religiöser Inhalte zu biologischen Strukturen ist nicht verwunderlich, wenn man akzeptiert, dass unsere Gefühle und Wünsche in der Evolution entstanden sind. Und dass sowohl die Liebe als auch die Sexualität beim Menschen neue Funktionen gewonnen haben und nicht mehr eng an die Reproduktion gekoppelt sind.

Auch aus homosexueller Liebe entstehen keine Kinder.
Sexualität dient nicht nur dem Kennenlernen, sondern erzeugt auch emotionale Bindungen. Dies funktioniert unabhängig vom Geschlecht. Da menschliche Gruppen nicht funktionieren würden, wenn nicht auch innerhalb der Geschlechter intensive emotionale Bindungen bestehen würden, haben wahrscheinlich alle Menschen eine Anlage zur Bisexualität. Damit ist nicht gemeint, dass alle mit allen schlafen wollen. Aber sie sollten sich gerne anfassen. Man kann dies beim Fußball beobachten, wenn sich die Spieler nach einem Tor umarmen. Es gibt Untersuchungen, die zeigen, dass Mannschaften, die nach einem Tor körperliche Nähe suchen, erfolgreicher sind. So wie es aussieht, dient beim Menschen eine abgemilderte Form von Bisexualität dazu, die Gruppen zusammenzuschweißen. Reine Homosexualität ist schwieriger zu erklären. Möglicherweise handelt es sich um eine Extrem-Form, die aus der bisexuellen Normalverteilung entsteht.

Ändert sich denn aufgrund unserer heutigen Lebensweise etwas an Sex, Partnerschaft und Liebe in – sagen wir – zwei Millionen Jahren?
Es wird sich auf jeden Fall etwas ändern, wir können nur noch nicht sagen, in welche Richtung. Am problematischsten ist, dass wir versuchen könnten, die schwierigen Aspekte der Liebe zu sehr verschwinden zu lassen. Zum Beispiel den Liebeskummer. Und uns mit virtuellem Sex begnügen, wenn wir den Wunschpartner nicht bekommen. Die Tendenz, sich aus der Realität in Fantasiewelten zu flüchten, gibt es ja auf vielen Gebieten. Wenn Menschen keine echte Liebe und keinen echten Sex mehr haben, funktionieren die Mechanismen der Partnerwahl nicht mehr. Wenn Menschen schön, anmutig, sinnlich und intelligent wurden, weil sie gefallen wollten, dann wird dies auf lange Sicht negative evolutionäre Folgen haben.

Stirbt die romantische Liebe irgendwann aus?
Solange wir Kinder bekommen, indem wir miteinander schlafen, und solange wir uns um diese Kinder selbst kümmern, wohl nicht. Die romantische Liebe ist ein zentrales Element unseres Soziallebens. Sollte sich dies irgendwann einmal grundlegend ändern, dann könnte auch die Liebe überflüssig werden. Aber bis dahin können wir unserem sexuellen Begehren und unser Suche nach Liebe kaum entkommen. Zum Glück, kann man vielleicht sagen.

Interview: Jennifer Hein

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