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Helikopter-Eltern Die zwanghafte perfekte Erziehung

Der Diplom-Pädagoge Detlef Träbert spricht im Interview über die Verunsicherung vieler Eltern und beantwortet die Frage, warum „Helikopter-Eltern“ jede Sekunde im Leben ihres Kindes kontrollieren wollen.

In der Süßigkeitenabteilung im Supermarkt: Bekommt das Kind sofort, was es will? Foto: imago/Jochen Tack

Alles muss perfekt sein – das ist die Maxime einiger Eltern, die es mit der Liebe zu ihrem Nachwuchs etwas übertreiben. Pädagoge Detlef Träbert erklärt, warum die übermäßige Einmischung in das Leben der Kinder mehr schadet als nutzt.

Herr Träbert, was machen „Helikopter-Eltern“ falsch?
Zunächst mal wäre dieser Begriff als solcher in Frage zu stellen. Die so genannten „Helikopter-Eltern“ werden in den Medien ziemlich abgewatscht. Eigentlich sind es aber Eltern wie andere auch, die das Beste für ihr Kind wollen. Also Liebe ist da auf jeden Fall vorhanden. Es gibt Eltern, die aus Liebe alles fürs Kind tun, um es glücklich zu machen. Diese Eltern sehen meist nur den aktuellen Moment, haben aber nicht das große Ganze im Blick, etwa das Erziehungsziel Selbstständigkeit. Sie sehen eine Situation und reagieren. Etwa: Das Kind will etwas Süßes und bekommt seinen Wunsch sofort erfüllt. Oder bei Streit auf dem Spielplatz schreiten Eltern direkt ein. Sie wollen ihren Nachwuchs schützen. Das verhindert aber, dass das Kind seine Erfahrung im Umgang mit Konflikten mit anderen Menschen machen kann. Das Streiten und das Versöhnen lernt man eben nur durch streiten und versöhnen. Wenn Eltern den Konflikt von außen regeln, kann das Kind keine soziale Kompetenz entwickeln.

Wo lässt sich eine Grenze ziehen zwischen elterlicher Liebe und Überbehütung?
Die Grenze ist erreicht, wenn man sagt: Ich tue alles für mein Kind – sogar das, was es selber tun könnte. Damit tue ich meinem Kind keinen Gefallen. Dann kann es keine eigene Erfahrung machen – sei es eine Entbehrung, ein Bedürfnisaufschub oder die Erfahrung mit dem Streit. Natürlich muss ich mich einmischen, wenn mein Kind ernsthaft bedroht wird. Aber der Umgang mit alltäglichen Konflikten, etwa um Spielzeug, ist wichtig für die persönliche Entwicklung.

Wofür sind die eigenen Erfahrungen noch wichtig?
Wenn Kinder keine eigenen Erfahrungen machen, können sie kein realistisches Selbstbild entwickeln. Ein Kind, das am Klettergerüst von der Mama in die oberste Sprosse gehängt wird, hat kein echtes Erfolgserlebnis. Dazu gehört der Weg dorthin, das selbst Hochklettern. Und das ist die Basis für die eigene Entwicklung hinsichtlich Persönlichkeit und sogar Intelligenz. Das Scheitern und gelegentliche Misserfolge sind dabei wichtige Erfahrungen. Dann brauchen Kinder Trost und Ermutigung, es weiter zu versuchen. Damit stärkt man ihre Frustrationstoleranz und verhilft ihnen zu besserer Leistungsmotivation.

Spielt beim übermäßigen Behüten Kontrollzwang eine Rolle?
Die Motive, aus denen Eltern ihr Kind kontrollieren wollen, sind sehr unterschiedlich. Einige leiden an einer narzisstischen Persönlichkeitsstörung. Die Betroffenen brauchen das Kind, um sich vollwertig zu fühlen und um Erfolg nach außen zu demonstrieren. Die meisten aber folgen einfach dem Zeitgeist. Die perfekte Erziehung ist gefragt, man muss alles richtig machen, das Leben des Kindes wird am Reißbrett perfektioniert. Dementsprechend groß ist dann der Kontrollwunsch: Ist mein Kind im Soll?

Wie sieht diese Kontrolle aus?
Kontrolle wird über soziale Kontakte ausgeübt, indem Eltern beispielsweise die Auswahl der Freunde oder gar der Sitznachbarn im Klassenzimmer mit beeinflussen wollen. Und über die Lernentwicklung: Helikopter-Eltern sitzen bei den Hausaufgaben immer daneben. Sie wollen auf keinen Fall, dass das Kind mit falschen Lösungen in die Schule geht. Dabei ist auch die Erfahrung von Fehlern wichtig für das Kind. Es muss über sie stolpern, um Lernwege selbst zu entdecken, statt alles vorgekaut zu bekommen.

Hat es diese Überbehütung schon immer gegeben oder nimmt sie zu?
Das Phänomen hat es schon immer gegeben. Man hört aber zunehmend öffentliche Klagen darüber. In Stuttgart hat sich beispielsweise ein Schulleiter in einem Offenen Brief beschwert, weil die Eltern die Kinder bis ins Klassenzimmer bringen und vor der Schule alles rücksichtslos zuparken mit ihren Autos. Das fand ein großes Medienecho. Man muss aber sehen: Der Druck auf die Eltern, alles richtig zu machen, war noch nie so hoch wie heute. Sie stehen unter einem viel größeren Erfolgszwang als früher. Heute ist ja auch die Kinderzahl geringer. Man hat meist nur ein Kind, und das muss „gelingen“. In Familien mit vielen Kindern hat man gar nicht die Zeit, sich um jedes Detail zu kümmern. Die Geschwister erziehen sich dann gegenseitig. Das ist eher von Vorteil für die Entwicklung der Persönlichkeit und eines realistischen Selbstbildes.

Warum verhalten sich Eltern so?
Eltern sind heutzutage verunsichert, unter anderem, weil der Rückhalt der Großfamilie weg ist. Früher wurden Erziehungsprinzipien quasi vererbt, der Konsens in der Gesellschaft über den Umgang mit Kindern war größer – dass diese Prinzipien nicht in unsere Zeit passen, ist klar. Aber Eltern trauen ihrem Bauchgefühl nicht mehr. Sie wissen nicht, wie sie Autorität zeigen können, ohne autoritär zu sein. So suchen sie in den Medien nach Orientierung. Aber dort werden oft einander widersprechende Ratschläge zu diversen Fragen gegeben. Insofern sind Helikopter-Eltern überwiegend einfach die besorgteren Eltern und brauchen viel Zuspruch. Wer souverän ist, kann sein Kind leichter loslassen.

Interview: Götz Nawroth

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