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Freundschaft Die kleine Schwester der Liebe

Die Freundschaft fürs Leben gibt es, glauben die Deutschen. Und ihre Sehnsucht danach wird immer größer. Aber wann kann ich jemanden überhaupt einen wahren Freund nennen?

28.05.2015 15:44
Nicole Schmidt
So unterschiedlich - und doch beste Freunde: Die Dichter Johann Wolfgang von Goethe und Friedrich Schiller. Foto: imago/Thomas Müller

Was ist wahre Freundschaft? „Eine einzige Seele, die in zwei Körpern wohnt“, erklärt der griechische Philosoph Aristoteles im vierten Jahrhundert vor Christus. „Sie verdoppelt die Freude und halbiert das Leid“, schreibt sein englischer Kollege Francis Bacon 1625. „Liebe vergeht, Liebe verweht, Freundschaft alleine besteht. Ein Freund, ein guter Freund, das ist das beste, was es gibt auf der Welt“, schmettert 1930 Heinz Rühmann im Film „Die Drei von der Tankstelle“. Und für den derzeitigen Münsteraner „Tatort“-Leichensezierer Jan Josef Liefers ist Freundschaft „wie Liebe ohne Sex“.

Mit der hohen Meinung, die sie von der Freundschaft haben, stehen sie nicht allein: Die Deutschen stufen laut einer aktuellen Allensbach-Studie im Auftrag von Jacobs wahre Freundschaften überraschenderweise sogar noch höher ein als für die Familie dazusein, eine glückliche Partnerschaft zu haben oder beruflichen Erfolg: Für 85 Prozent sind gute Freunde im Leben ganz besonders wichtig.

Aber wann kann ich jemanden überhaupt einen wahren Freund nennen? „Wenn wir von einer Herzensfreundschaft sprechen. Das meint eine echte, tiefe Sympathie-Beziehung, in der ich mich sehr auf den anderen verlassen und ihm alles erzählen kann. Auch peinliche Situationen, Ängste, Schwierigkeiten im Bett oder in der Mutterbeziehung. Der Kern ist das Gespräch und die Möglichkeit, mich gegenüber dem anderen zu öffnen“, definiert der Psychologe Wolfgang Krüger, der sich seit über 30 Jahren mit den Themen Freundschaft und Beziehung beschäftigt und als Psychotherapeut in Berlin arbeitet. Auch die Dauer sei ein Indiz: Innerhalb von sieben Jahren scheitern laut Umfragen die Hälfte aller Freundschaften. „Das sind vor allem Durchschnitts-Freundschaften, die nur eine geringe Intensität haben“, sagt Krüger. Man verliert einfach das Interesse und zieht sich dann schon bei kleineren Krisen zurück, während die Herzens-Freundschaften oft lebenslang stabil sind – auch wenn der andere wegzieht oder es mal Konflikte gibt.

Das bestätigt die Allensbach-Studie. Danach kennen die Deutschen ihre wirklich guten Freunde seit durchschnittlich 24 Jahren. Bei den Senioren sind es sogar 39 Jahre, und selbst die Teenager geben an, ihre intensiven Freundschaften schon seit sieben Jahren zu pflegen. Bereits in Kindheit und Jugend werden die meisten guten Freundschaften begründet.

Was den Deutschen dabei wichtig ist, hat viel mit Gefühl zu tun: Verlässlichkeit, gegenseitige Hilfe, Ehrlichkeit und Offenheit, aber auch Trost – diese Reihenfolge stuft eine deutliche Mehrheit in einer Freundschaft als ganz besonders wichtig ein. Vergleichsweise wenig Bedeutung wird dagegen häufigen Treffen und gemeinsamen Unternehmungen beigemessen. Und dass Freunde einen stimulieren, indem man neue Ideen, neue Impulse bekommt, liegt in der Rangliste der 16 vorgelegten möglichen Charakterisierungen von Freundschaften auf dem letzten Platz. Ebenso sind gleiche Interessen oder ähnliche Prioritäten im Leben nur von nachrangiger Bedeutung.

Auch sind die Deutschen laut der Allensbacher Befragung kontaktfreudiger, als man annimmt. Über drei Viertel geben an, richtig gute Freunde zu haben, auf die sie sich verlassen können, darunter sind 25 Prozent, die sogar von vielen guten Freunde berichten. Allerdings: Wen sie damit genau meinen, das haben sie den Allensbachern nicht verraten. Sind es Kegelbrüder, Yoga-Partnerinnen, Kommilitonen, Facebook-Kontakte, Stammtisch-Genossen, Freunde aus der Kindheit oder wirklich allein die Busenfreundinnen? Nur 13 Prozent der Bevölkerung jedenfalls sagen aus, niemanden zu kennen, den sie als „guten Freund“ bezeichnen würden. Das sind meist ältere Menschen und solche aus einfachen sozialen Schichten. Größere Defizite – und das ist interessant – zeigen sich allerdings mit Blick auf die Qualität der Freundschaften. 40 Prozent der Bevölkerung beklagen, dass viele Freundschaften nicht so eng und tiefgehend sind, wie sie sich das wünschen würden. Und das Internet wird immer wichtiger: Mehr als jeder zweite nutzt soziale Netzwerke und E-Mails für den Kontakt mit Freunden, bei den unter 30-Jährigen sind es sogar 80 Prozent.

Vielleicht sollte man in diesen flexiblen Zeiten den Begriff der Freundschaft in Deutschland einfach nicht mehr so traditionell sehen und aus seiner Überhöhung holen, sagen Trendforscher und verweisen auf die USA, wo der Begriff „friends“ viel lockerer gebraucht werde. Sie werfen die Frage auf, ob Freundschaft im klassischen Verständnis in der modernen Netzwerkgesellschaft möglicherweise nicht sogar ein Auslaufmodell sein könnte.

Ihre Begründung: Heutzutage fänden sich eher als früher Interessengemeinschaften und Freundschaften auf bestimmte Projekte und Zeiten bezogen, oft mir einem Kosten-Nutzen-Denken im Hinterkopf: Nützt mir derjenige für irgendetwas? Oder: Mit der kann ich gut ins Pilates. Oder: Das ist aber mal eine tolle Reisebekanntschaft. Oder: Mit dem Community-Freund kann ich mich ja bestens über Musik austauschen. Auch im Büro könne man schließlich eine intensive Beziehung haben, ohne abends privat etwas zusammen zu unternehmen. Und eine sympathische Distanz und offenere Bindungen könnten ja auch gute Laune schaffen. Ein Freund, da solle man sich nichts vormachen, könne heutzutage viele Gesichter haben. Vielleicht solle man Freundschaft deshalb nicht mehr als Seelenverwandtschaft verstehen, sondern eher wertneutral. Das einzusehen, mache es leichter, nicht mehr einem Ideal nachzuhecheln.

Aber die Deutschen bleiben, ob jung oder alt, bei ihren romantischen Vorstellungen. Drei Viertel sind laut der Allensbach-Studie überzeugt, dass eine „Freundschaft fürs Leben“ nicht nur eine utopische Vorstellung ist, sondern dass es sie wirklich gibt. Und die Sehnsucht danach wird immer größer, sagt Experte Krüger: „Die Bedeutung der Familienbindung und auch der Partnerschaften fürs Leben lässt nach. Alles wird immer brüchiger. Aber wir brauchen einen Ort, wo wir uns verstanden fühlen, einen, der uns Verlässlichkeit und Stabilität bietet. Das sind Freundschaften: eine tiefe Bindung bei gleichzeitiger Freiheit.“ Mit zunehmendem Alter werde das immer wichtiger.

Krüger verdeutlicht das mit einer eigenen Umfrage, bei der er Testpersonen unter und über 30 Jahren folgende Frage stellte: Wenn Sie die Wahl hätten zwischen einer aufregenden Nacht mit einem tollen Mann/einer tollen Frau oder einer tiefgehenden Freundschaft, was würden Sie tun? „Fast alle Jüngeren wählten die Nacht, die über 30-Jährigen den Freund.“ Freundschaft möge zwar etwas Altmodisches sein, aber sie sei kein Auslaufmodell. „Auch das Bedürfnis, etwas über die Kunst der Freundschaft zu erfahren, steigt, das merke ich immer nach meinen Vorträgen und das spürt man auch an den Ratgebern in den Regalen.“

Ganz klar, sagt Krüger: Wirkliche Freunde seien gerade in heutiger Zeit wichtig. „Sie sind für uns Stütze für die Seele, sie bestätigen uns in unserem Wert und vermitteln das Gefühl von Zugehörigkeit, in der eigenen Identität anerkannt und bestätigt zu werden. Sonst fallen wir in die Leere.“ Noch dazu halten Freunde gesund und verlängern das Leben. Das zeigte eine australische Langzeitstudie mit 1500 über 70-Jährigen. Der Kontakt zu den eigenen Kindern oder anderen Verwandten hatte demnach deutlich weniger positiven Einfluss. Vielleicht, vermuten die Forscher, liege das daran, dass man sich die Familie nicht aussuchen kann.

Warum die Anwesenheit von Freunden etwa bei einer wichtigen Präsentation auch Aufregung vermindern kann, erklärt der Gelsenkirchener Stressmediziner Matthias Weniger so: „Der Körper reagiert in solchen Situationen wie bei Gefahr, wenn die Stresshormone Adrenalin und Kortison ausgeschüttet werden. Dagegen helfen Antistresshormone wie Oxytocin. Das produziert der Körper bei Berührungen und Umarmungen mit Freunden. Aber auch der Blick in die Augen eines geliebten Menschen setzt das Hormon frei. Darum wird es häufig auch als „Liebeshormon“ bezeichnet. Oxytocin kann viele Arten von Emotionen beeinflussen, es baut Vertrauen auf und reduziert die Angst. Wenn man einen wirklich guten Freund hat, hilft diese Beziehung, mit Stresssituationen besser umzugehen.“

Erstaunen ruft die Allensbach-Befragung hervor, wenn sie beschreibt, wie unterschiedlich Freunde sein können. Aber warum haben sie sich überhaupt gefunden? Vielleicht, weil sie sich genetisch nah sind? US-Forscher haben entdeckt, dass Freunde eine verblüffend ähnliche DNA haben – entsprechend Cousins vierten Grades – und auch einen ähnlichen Geruchssinn. Vielleicht, so vermuten die Forscher, suchen sie gemeinsam Orte auf, die sie gleich gut riechen können? Andere Studien sehen das profaner: Meist sei es reiner Zufall und räumliche Nähe. Mal ist es der Nachbar, mal die Kollegin am Schreibtisch gegenüber, mal der Kommilitone, der am ersten Unitag neben einem in der Mensa sitzt, mal einer aus dem Chor. „Natürlich können Freunde unterschiedlich sein, was den Charakter angeht oder den Beruf. Solche Freundschaften sind sogar oft schwierig wegen der Rivalität. Es muss aber schon grundsätzlich eine gemeinsame Welt mit ähnlichen Lebenserfahrungen geben, man muss den anderen verstehen können und eine gemeinsame Fähigkeit haben, über das Gleiche zu lachen“, sagt Psychologe Krüger.

Frauen, da bestätigt die Allensbach-Studie Erwartbares, sind da bei der innigen Freundschaftsentwicklung wesentlich aktiver als Männer: „Frauen reparieren das Herz, Männer das Auto.“ Ausgiebig und offen miteinander reden, auch über Beziehungsprobleme: das ist die weibliche Domäne. Auch bei Hilfe im Krankheitsfall und Begleitung bei Unternehmungen rangieren sie weiter oben – und sie fühlen mehr Nähe zu ihren Freundinnen und halten mehr Kontakt, selbst wenn sie sich nicht sehen.

Ein Hobby teilen, zusammen Spaß haben, sich Auto oder Kamera ausleihen und auch mal zusammensitzen, ohne viel zu reden – und wenn, dann eher sachbezogen: das sind – ebenso erwartbar – eher die Freuden der Männerfreundschaft. Interessant: Männer können sich in einer Freundschaft zu Frauen mehr öffnen und diese befriedigender empfinden als eine Freundschaft zu Männern. Das geht Frauen nicht so.

Frauen können Freundschaft also nach dem heute vorherrschenden Modell besser – eine interessante Umkehrung, wie Juliane Härtwig in ihrer Diplomarbeit im Fachbereich Soziologie an der Uni Berlin bemerkt. Früher nämlich galt, dass es wahre Freundschaft nur unter Männern gibt. So behauptete Friedrich Nietzsche 1884: „Noch ist das Weib nicht der Freundschaft fähig.“ Dass sich das geändert hat, liegt laut Soziologin Härtwig daran, dass sich die Geschlechterrollen gewandelt haben, den Frauen somit gesellschaftliche Anerkennung zukam und dementsprechend auch ihre Freundschaften nicht mehr abgewertet werden – wohingegen bezüglich der Männerfreundschaften eher Pessimismus dominiert, ob sie das hinbekommen.

Wobei es inzwischen durchaus Männer gibt, die enge Freundschaften pflegen und über ihre Nöte reden, werfen Männerforscher ein. Aber es müssten viel mehr werden, sagt Psychologe Krüger. Sie könnten von den Frauenfreundschaften lernen, mehr auf soziale Netzwerke zu bauen und sich mehr ihrem eigenen Geschlecht zu öffnen, „anstatt wie ein Hahn auf dem Misthaufen immer nur zu gockeln, alles klappt bestens“, sagt Krüger. Denn Männer seien gerade in dieser Hinsicht ganz real von den Frauen abhängig und fielen bei einer Trennung oft ins Leere. „Das wäre ein guter Beitrag zu ihrer Emanzipation.“

Aber auch die Frauen könnten von den Männern lernen, denn auch bei ihnen sei nicht immer alles einfach in ihrer Beziehung. „Sie erzählen sich zum Beispiel eher Negatives, als auch mal zu sagen, wie stolz sie auf die eigenen Leistungen sind.“

Und wie klappt das mit der Freundschaft zwischen Mann und Frau? Da sind die Deutschen skeptisch. Mehr als die Hälfte ist der Meinung, das kann nicht gut gehen, „Wenn einer von Anfang an verliebt ist, ist es wirklich schwierig, eine solche Liebe in Freundschaft umzuwandeln“, sagt Psychologe Krüger. Und sonst? Damit es funktioniert, muss mindestens eine von drei Voraussetzungen erfüllt sein, zählt Krüger auf. Entweder sie ist nicht sein Typ. Oder beide spüren auf den ersten Blick: Der oder die kommt als Sexpartner nicht in Frage. Oder er hat ein erfülltes Sexualleben. „Aber Sex und Freundschaft verbinden zu wollen, das ist Quatsch. Einer entwickelt immer mehr Gefühle. Ein einziges Mal miteinander geschlafen, und die Freundschaft ist nicht mehr so wie vorher.“ Wenn das nicht geschehe, könne man hoffen. Aber dazu müssten Männer eben auch Nähe über Gespräche herstellen können. Die Luft könne auch ohne Erotik knistern. „Die Freundschaft gilt nur als die kleine Schwester der Liebe. Aber sie ist auch etwas sehr Kostbares und die Suche danach so schwierig wie nach einem Diamanten.“

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