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Gastbeitrag Die Quelle der Ungerechtigkeit

Statt Wachstum brauchen wir mehr Gleichheit zwischen Arm und Reich, Nord und Süd, Mensch und Natur.

05.09.2014 14:31
Alberto Acosta
Leben ohne Wachstum Brauchen wir immer mehr? Oder lässt es sich auch ohne Wirtschaftswachstum leben? Das diskutieren Ökonomen, Politologen und Gewerkschafter auf der „Degrowth“-Konferenz in Leipzig – und in der Frankfurter Rundschau. Foto: REUTERS

Unsere vorherrschende Denkweise legt uns nahe, dass eine Wirtschaft, die nicht ihr eigenes Wachstum zum Ziel hat, undenkbar ist. Oft lässt sich zudem hören, die sozialen Unterschiede auf der Welt seien Frucht der Arbeit einiger weniger und das Problem liege bei denen, die sich nicht auf den Fortschritt eingestellt hätten.

Es ist die große Aufgabe unserer Gesellschaft, diese Ansichten zu überwinden. Denn die Zukunft der Menschheit ist in Gefahr. Wir müssen eine Diskussion führen. Eine Diskussion, die der Demokratie die Tür öffnet. Eine Diskussion über die ökologischen Grenzen der Natur, unseres Zuhauses. Es ist unsere Aufgabe, diese Grenzen anzuerkennen und den Kapitalismus zu hinterfragen. Denn er ist die Quelle sozialer und ökologischer Ungerechtigkeiten.
Immer unhaltbarer und offensichtlicher zeigen sich uns die Grenzen der Natur. Immer schneller und häufiger überschreiten wir sie mit einem Lebensstil, der den Menschen in den Mittelpunkt stellt – und mit einem Wirtschaftssystem, das die Anhäufung von Kapital in den Mittelpunkt stellt.
Auch die weltweite soziale Ungerechtigkeit ist eine Eigenart des Kapitalismus. Diese Zivilisation der Ungleichheit bekommt jedoch zahlreiche und offensichtliche Risse. Sie zeigen sich zum Beispiel in der zunehmenden, unaufhaltsamen Zuwanderung aus den Ländern des Südens in die USA und die EU.

10 % der Bevölkerung besitzen 53 % des Vermögens

Ungleichhheiten stehen auf der Tagesordnung der Welt. Es reicht bereits, einen Blick auf einige Zahlen zur Verteilung des Reichtums auf weltweiter Ebene zu werfen: Der Reichtum der 85 reichsten Personen der Welt übersteigt laut dem Oxfam-Bericht 2014 das Jahreseinkommen der ärmeren Hälfte der Weltbevölkerung – das sind 3,5 Milliarden Menschen.
Laut ebendiesem Bericht ist das reichste Prozent der Bevölkerung im Besitz von fast der Hälfte des weltweiten Vermögens. Auch ein Blick auf die Zahlen zur Ungleichheit in Deutschland, dem Land, in dem die hochgelobte „soziale Marktwirtschaft“ erfunden wurde, erteilt uns dieselbe Lektion: 2008 besaßen die reichsten zehn Prozent der Bevölkerung 53 Prozent des Vermögens, während die Hälfte der Bevölkerung ein Prozent des Vermögens besaß („Der Spiegel“ 19, 2014).

Die Zeit drängt also, einen Schritt hin zur Umverteilung des Reichtums und der Macht zu tun. Denn wir brauchen eine Grundlage für den Aufbau von Gesellschaften, deren Fundamente Gerechtigkeit, Gleichheit und Pluralität sind.
Wir müssen verstehen, dass eine wachsende Wirtschaft das Glück nicht sichert – nicht einmal in den früh industrialisierten Staaten. Genauso wichtig ist es einzusehen, dass der Reichtum einiger weniger oft auf der Ausbeutung von vielen beruht – global wie lokal. Nicht zuletzt ist es dringend notwendig, eine Wirtschaft zu überwinden, die auf fossile Energien baut, deren ausbeuterischer Abbau vor allem Kapitalinteressen dient.
Die Wirtschaftsschrumpfung, besonders im globalen Norden, sollte Hand in Hand mit der Bewegung des „Postextraktivismus“, (dem intellektuellen und praktischen Widerstand gegen eben diesen Abbau von Rohstoffen) im Süden gehen. Denn dort gibt es immer mehr Widerstandskämpfe gegen eine Rekolonialisierung, welche die kapitalistische Globalisierung immer gewaltvoller durchsetzt.

Es braucht eine Dekonstruktion und Rekonstruktion der Wirtschaft, damit die Möglichkeit eines lebenswerten Lebens für alle Menschen auf der Erde nicht zerstört wird. Sei es aus Umweltgründen oder aufgrund der wachsenden sozialen Gewalt.
Wenn sich die Wirtschaft der Natur unterordnen soll, muss sich die Wirtschaft auch den Bedürfnissen der menschlichen Gesellschaft unterwerfen, die selbst Teil eben dieser Natur ist. Es bedarf hierfür einer neuen Ethik, um das Leben selbst zu organisieren. Ich nenne sie eine soziobiozentrische Ethik.

Der Weg scheint einfach, ist jedoch äußerst komplex. Anstatt die Trennung in Natur und Mensch aufrechtzuerhalten, müssen wir an einer Wiederbegegnung arbeiten. Das führt notwendigerweise dazu, die vorherrschende Religion des Wirtschaftswachstums und der unablässigen Anhäufung materieller Güter, die seit über 500 Jahren die Grundlage der kapitalistischen Wirtschaft ist, zu überwinden. Wir müssen die Gesellschaft des Wachstums hinter uns lassen.
Dieses Problem werden wir nicht von heute auf morgen lösen können. Wir müssen daher Schritte in Richtung einer Transformation tun. Grundlage kann die Vielzahl existierender alternativer Praktiken sein, die auf der ganzen Welt existieren und ein Leben in Harmonie mit anderen Menschen und der Natur propagieren. Beispiele dafür sind das Buen Vivir (spanisch: Gutes Leben) oder sumak kawsay (quechua: Gutes Leben) der indigenen Gemeinschaften der Anden und des Amazonas.
Als Teil einer großen kulturellen Transformation brauchen wir eine Vision, die den Aberglauben an das Wirtschaftswachstum überwindet und die Entkommerzialisierung der Natur und der Allgemeingüter, einschließlich der Arbeit, vorantreibt.
Die Grundlage dieser neuen Ökonomie bilden die Dezentralisierung, der Strukturwandel sowie die Umverteilung von Reichtum und Macht. Diese andere Ökonomie wird notwendigerweise von Solidarität, Gegenseitigkeit und natürlich der Demokratie getragen sein.

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