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Umgang im Netz Digitale Zivilcourage erforderlich

Jede Form von Onlinegewalt beschädigt die Integrität eines Menschen, denn sie ist genauso real wie Gewalt im "echten Leben". Ein Gastbeitrag.

11.10.2016 16:07
Petra Grimm
Hass per Mausklick: Gewalt im Netz ist schon lange keine Randerscheinung mehr. Foto: imago

Das „Time Magazine“ erklärte vor kurzem auf seiner Titelseite: „Why we’re losing the Internet to the culture of hate“ (29.08.2016). Auch hierzulande häufen sich die Berichte über Hass im Netz sowie aggressive und menschenverachtende Äußerungen, die sich gegen Einzelne oder Gruppen richten. Dabei scheint es sich nicht um ein begrenztes Nischenphänomen zu handeln: So ergab eine aktuelle Forsa-Untersuchung im Auftrag der Landesanstalt für Medien NRW, dass rund zwei Drittel aller Befragten bereits mit Hassbotschaften im Netz konfrontiert wurden, bei den 14- bis 24-Jährigen sogar 91 Prozent.

Ziel der Hate Speecher scheint es zu sein, eine Kultur der Verachtung zu etablieren. Sie verbreiten Narrative, die sich oftmals einer „Wir gegen die“-Rhetorik bedienen, vor allem, wenn es um rassistische und fremdenfeindliche oder antisemitische und antimuslimische Propaganda geht. Ebenso verbreitet ist das Narrativ der Frauenverachtung, das sich in misogynen Attacken gegen Feministinnen, Journalistinnen und Politikerinnen richtet und bis zur Androhung realer Gewalt reichen kann. Beispielhaft hierfür ist die Hasskommunikation gegen die kanadisch-amerikanische Medienkritikern Anita Sarkeesian, die den Sexismus in Computerspielen kritisierte und dafür Androhungen der Vergewaltigung und des Mordes erhielt. Die Liste der Verachtungs-narrative, in denen einzelne Menschen oder Gruppen wegen ihrer Herkunft, ihres Geschlechts, ihrer sexuellen, religiösen oder politischen Einstellung beleidigt, beschimpft und bedroht werden, ließe sich ohne weiteres fortsetzen. Symbolisches Ziel dieser digitalen Gewalt ist es, die Stellung der angegriffenen Person im sozialen Raum zu verändern – sie an den Rand zu drängen, auszuschließen und die eigene Überlegenheit und Macht zu demonstrieren. Verletzende Kommunikation im „On-Life“ wie auch „Off-Life“ ist eine unethische, weil sie den anderen als gleichberechtigten Kommunikationspartner nicht anerkennt, sondern herabsetzen und abwerten will. Bereits Schopenhauer sah in der Beleidigung den Versuch, diskursive Unterlegenheit in soziale Überlegenheit zu verwandeln, die vor allem dann zum Einsatz kommt, wenn einem die Argumente ausgegangen sind.

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Nur ein Netzphänomen oder mehr?

Häufig wird die Frage gestellt, ob diese Kultur der Verachtung „nur“ ein Netzphänomen sei oder auch unsere Kommunikationskultur als solche betreffe. Die Frage ist allerdings müßig, denn die Onlinekommunikation ist genauso real wie die Offlinekommunikation, beide sind miteinander verwoben. Grundsätzlich ist festzustellen, dass die Entwicklung hin zu einer Mediengesellschaft, die vorwiegend digital interagiert, den Raum erweitert hat, in dem Menschen ihre Einstellungen und Meinungen verbreiten und Konflikte austragen können. Im Falle professioneller Propaganda 2.0 haben die sozialen Medien wie Facebook, Twitter und Youtube ermöglicht, dass Propagandisten ihre antidemokratischen Meinungen sichtbar machen können. Auch wenn die sozialen Medien nicht die Ursache dieser Hasskommunikation sind, bieten sie ihr ein geeignetes Forum, um Aufmerksamkeit zu gewinnen. Die Versuche, das Beschwerdemanagement dort zu verbessern und durch User Flagging rechtswidrige Hassbeiträge entfernen zu lassen, sind laut einer Expertise von jugendschutz.net in jedem Fall optimierbar.

Im Falle der nichtprofessionellen Hasskommunikation, sozusagen der amateurhaften, dürften die Motive für digitale Gewalt ähnlich denen von Cybermobbing sein: Es geht um die Demonstration von Macht, um Kompensation für aufgestaute Aggression, Vergeltung und Anerkennung. Dabei fehlt es den Tätern an stabilen Wert- und Normorientierungen, Empathie und sozialer Kommunikationskompetenz. Das kürzlich vom Bayerischen Lehrer- und Lehrerinnenverband herausgegebene Manifest „Haltung zählt“ ist Ausdruck einer „Sorge über die zunehmende Aggressivität in der Sprache und in den Umgangsformen“, nicht nur in der Schule, sondern auch in der Politik, den Medien und sozialen Netzwerken. Wenngleich für eine Zunahme der Aggressivität in all diesen sozialen Räumen bislang keine empirischen Belege vorliegen, scheint diese Beobachtung ein Indiz dafür zu sein, dass eine Kultur der Fairness und des Respekts in der Online- wie der Offlinekommunikation nicht selbstverständlich ist.

Aus Sicht der digitalen Ethik bedarf es generell einer Verständigung über normative Standards, Regeln und sozial anerkannte Verhaltensweisen. Jede Form von Onlinegewalt beschädigt die Integrität eines Menschen und sein soziales Ansehen in der realen Welt. Sie widerspricht damit dem Würdeprinzip unserer Gesellschaft. Zugleich verhindern solche Gewalthandlungen die Realisierung eines gelingenden Lebens für die Betroffenen. Medial ausgetragene Konflikte und Gewalthandlungen betreffen also im Kern die ethische Frage nach unserer Werte- und Lebensorientierung: Wie wollen wir miteinander leben?

Verhaltensregeln erforderlich

Insbesondere Heranwachsenden sollte die Chance gegeben werden, sich eine Kommunikationskultur der Achtung und des Respekts anzueignen. Hierfür erscheint mir unabdingbar, dass Raum und Zeit für ethische Reflexion zur Verfügung gestellt werden, um eine Haltung zu entwickeln, sich mit Wertekonflikten auseinandersetzen und sich auf ethische Kommunikationsregeln – eine Netiquette – verständigen zu können. Grundlage hierfür könnten die „Zehn Gebote der digitalen Ethik“ sein, die mit Studierenden der Hochschule der Medien erarbeitet wurden; ebenso die Arbeitsmaterialien für Schule und Jugendarbeit „Ethik macht klick. Ein Werte-Navi fürs digitale Leben“ (Klicksafe/Institut für digitale Ethik 2015).

Letztlich brauchen wir eine digitale Zivilcourage gegen eine Kultur der Verachtung. Eine entsprechende Agenda müsste folgende Aspekte umfassen: 1. Förderung einer Ethik der Kommunikation und Digitalkompetenz, 2. ein funktionierendes Beschwerdemanagement in den sozialen Medien, 3. aktive Nutzung rechtlicher Handhabe und 4. Engagement der Nutzer.

Wenn wir im Netz nicht mehr offen, wertschätzend und sachlich miteinander kommunizieren können, beeinträchtigt dies nicht nur die individuelle Freiheit und Integrität des Einzelnen, sondern auch das Gemeinwohl, da ein freiheitlich-demokratisches Gemeinwesen auf eine zivilisierte Kommunikationskultur angewiesen ist.

Petra Grimm ist Leiterin des Instituts für Digitale Ethik an der Hochschule der Medien in Stuttgart.

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