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Kapitalismus Der geformte Mensch

Der Kapitalismus kennt kein Außen: Die Zumutungen des entfesselten Wirtschaftssystems werden mit den Ideen eben dieses Systems bekämpft. Der innere Unfrieden der Gesellschaft muss aber nicht zwingend in Hass und Gewalt ausarten.

A beggar kneels in front of an advertising billboard in the centre of Vienna
A beggar kneels in front of an advertising billboard in the centre of Vienna, Austria, November 25, 2015. REUTERS/Heinz-Peter Bader - RTX1VRE7 Foto: © Heinz-Peter Bader / Reuters (X00316)

Was bedeutet ,Innerer Frieden‘?“, fragte vor einigen Jahren jemand auf „gutefrage.net“, und „Lotterhose“ antwortete sofort: „Das ist das, was viele Schreiber hier nicht haben, wenn ich mir ihre Nörgelfragen und -antworten so durchlese.“ Darauf „XXXKKKXXX“: „Warum nörgelst DU dann?“ Lotterhose: „Tue ich ja gar nicht. Warum machst DU mich hier an?“

Es zeigt sich: Kaum angesprochen, ist der Frieden manchmal auch schon dahin, nicht nur im Internet. Aggressiver Umgang mit Andersdenkenden, Wut über alles und jeden, sogar Gewalt gegen Minderheiten, Fremde oder Andersgläubige: All das bricht sich in unseren Tagen offenbar immer ungehemmter Bahn. Der innere Frieden in der Gesellschaft ist so brüchig geworden wie nie in den vergangenen Jahrzehnten.

Das ist die eine Seite. Aber das Wort vom „innerer Frieden“ bezeichnet ja nicht nur einen erstrebenswerten gesellschaftlichen Zustand, sondern auch einen individuellen. Ein Mensch, der ihn für sich findet, schließt mit sich, seinen Ängsten und Dämonen Frieden, er ist mit sich im Reinen. Und wenn er das ist, dann ist er auch reif für ein friedliches Zusammenleben in der Gesellschaft, weiß nicht nur der Dalai Lama: „Wer selbst keinen inneren Frieden kennt, wird auch in der Begegnung mit anderen Menschen keinen inneren Frieden finden, und nie können friedliche Beziehungen zwischen Einzelnen oder zwischen ganzen Völkern zustande kommen, solange diese Einsicht nicht beherzigt wird.“

Allerdings, auch umgekehrt wird ein Schuh draus: Der „innere Frieden“ (oder sein Fehlen) ist nicht nur Voraussetzung, sondern auch Ergebnis bestimmter gesellschaftlicher Verhältnisse.

Betrachtet man zum Beispiel die Wut der Pegidisten und AfD’ler, dann stößt man auf ein vermeintliches Paradox. Einerseits rennen sie gegen die Zumutungen an, die sie mit der Globalisierung, mit offenen Grenzen, internationaler Konkurrenz, kultureller Vielfalt, allgemeiner Toleranz und mit den „Eliten“ verbinden, die sie für all das verantwortlich machen. Auf der anderen Seite aber besteht ihre „Alternative“ in nichts anderem als dem, was unserer Gesellschaft seit Jahrzehnten eingebläut worden ist: der Wahrung des eigenen Vorteils in Abgrenzung gegen alles, was ihn uns streitig zu machen scheint.

Mit anderen Worten: Die Zumutungen des entfesselten Konkurrenz-Kapitalismus werden mit den Ideen eben dieses Systems bekämpft. Die Störung des individuellen „inneren Friedens“, die durch die Angst vor Verlust sozialer und kultureller „Heimat“ entsteht, hängt mit den Störungen des gesellschaftlichen „inneren Friedens“ direkt zusammen. Nicht nur bei denjenigen, die das Heil in der Harmonie einer ethnisch-kulturell einheitlichen Nation vermuten, sondern nicht weniger dort, wo die Rettung im Herbeibomben einer religiös reglementierten, islamisch formierten Welt gesucht wird.

Es geht hier keineswegs darum, rechte Randalierer und Terroristen oder dschihadistische Attentäter für ihre Taten zu entschuldigen. Aber es wäre ein Fortschritt, sich der Tatsache zu stellen, dass sie – bei aller individuellen Verantwortung – eben auch Produkte der Gesellschaft sind, in der sie leben.

Der Sozialpsychologe Erich Fromm (1900-1980) konnte von den Turbulenzen und Gewaltausbrüchen, die wir heute erleben, kaum etwas ahnen. Aber seine Überlegungen über die Wechselwirkung zwischen gesellschaftlichen Verhältnissen und dem „Seelenhaushalt“ der einzelnen Menschen haben an Aktualität nichts eingebüßt – ging es ihm doch ganz allgemein um die Frage, „in welcher Weise bestimmte ökonomische Bedingungen auf den seelischen Apparat des Menschen einwirken und bestimmte ideologische Resultate erzeugen“. Die Antwort: „Die sozio-ökonomische Struktur der Gesellschaft formt den Gesellschafts-Charakter ihrer Mitglieder dergestalt, dass sie tun wollen, was sie tun sollen.“

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Natürlich hätte Erich Fromm nicht bestritten, dass es sowohl bestimmte Anlagen von Geburt als auch zahlreiche Spielräume für autonome Entscheidungen des einzelnen Menschen gibt. Im Gegenteil: „Es stimmt zwar, dass der Mensch sich an beinahe alle Lebensbedingungen gewöhnen kann, trotzdem ist er kein leeres Blatt Papier, auf welches die Kultur ihren Text schreibt.“ Aber ebenso fahrlässig wäre es, die Prägungen, die dieses „Blatt Papier“ eben auch enthält, zu ignorieren. Wir sind sowohl Produkt unserer eigenen Lebensentscheidungen als auch der Gesellschaft, in der wir leben.

Was aber hat das nun mit dem inneren Unfrieden unserer Zeit zu tun, dem individuellen wie dem sozialen?

In der Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg hatte sich in Westeuropa ein Modell herausgebildet, das man frei nach Rousseau als „Gesellschaftsvertrag“ bezeichnen könnte. In einem überschaubaren ökonomischen Umfeld wurden ökonomische Verteilungskämpfe, aber auch religiöse, kulturelle oder lebensanschauliche Konflikte durch einigermaßen funktionierende Aushandlungsmechanismen sozusagen zivilisiert. Man lebte zwar keineswegs im Paradies, aber eben doch in einem einigermaßen verlässlichen, berechenbaren Umfeld. Und die Eruption des Protests von 1968 fügte nicht nur eine ordentliche Portion Liberalität und Toleranz hinzu. Sie besiegelte – jedenfalls in der Bundesrepublik – auch das historisch begründete Tabu, das Hass und Gewalt gegen Minderheiten zumindest im offiziellen und öffentlichen Diskurs verbot.

Doch spätestens 1989, als der Fall der Mauer dem Systemkonflikt ein Ende machte, war es auch mit diesem Modell vorbei. Die „Sieger der Geschichte“ im westlichen Teil der Welt dachten gar nicht daran, einen neuen „Gesellschaftsvertrag“ zu formen, der dem sich beschleunigenden weltweiten Austausch von Waren wie Menschen Rechnung getragen hätte. Die EU, die sich immer mehr zur Freihandelszone entwickelte, ohne sich auch nur annähernd ausreichende Regeln für ein solidarisches Zusammenleben zu geben, ist dafür nur das vertrauteste Beispiel. Die westlichen Eliten hielten sich mehr oder weniger radikal an den Satz, den die britische Premierministerin Margaret Thatcher 1987 geprägt hatte: „There’s no such thing as society“, also: So etwas wie Gesellschaft gibt es nicht, oder einfacher: Jeder ist sich selbst der Nächste.

Was wir heute erleben, lässt sich durchaus lesen als die Prägung, die diese Ideologie im „Gesellschaftscharakter“ vieler Menschen hinterlassen hat. Schon aus Gründen der Selbsterhaltung folgen Menschen, die in diesem Umfeld aufwachsen, bestimmten Mustern: „Die gesellschaftlichen Umstände, unter denen die Jugendlichen leben, machen es ihnen zur Pflicht, egozentrisch zu sein. Denn nur wer in der Konkurrenz- und Leistungsgesellschaft egozentrisch ist, der kann letztendlich auch bestehen“, sagte der Wiener Jugendsoziologe Bernd Hainzelmaier vor ein paar Jahren dem Westdeutschen Rundfunk. Und Klaus Farin, der ehemalige Leiter des Berliner Archivs der Jugendkulturen, fügte hinzu: „Sie interessieren sich nicht mehr für die Gesellschaft, denn da haben sie keinen Einfluss drauf. (…) Insofern kann man von einem gewissen Egoismus sprechen oder eben Pragmatismus. Da, wo ich Einfluss habe, darauf konzentriere ich mich.“

Das ist die – aus Sicht des Individuums geradezu notwendige – Anpassung an Verhältnisse, die der Psychologe Alfred Krovoza einmal so zusammengefasst hat: „Mit der Zerstückelung von Arbeitsbiografien, den prekären Beschäftigungsverhältnissen, der Subjektivierung der Arbeit, den Anforderungen der Mobilität, Flexibilität, zeitlichen Verdichtung und Beschleunigung (...) sowie mit der Medialisierung und Digitalisierung von Arbeitsprozessen und Verkehrsformen bis in den Privat- und Intimbereich hinein spielt die personenbezogene, quasifamiliale Über- und Unterordnung (…) keine, jedenfalls keine zentrale Rolle mehr.“ Mit anderen Worten: Die Bindung an verlässliche Zusammenhänge ist in ihrer tradierten Form brüchig geworden, und Ersatz ist angesichts einer Politik, die diesen Zustand eher fördert, nicht in Sicht. Daraus gehen, so Krovoza schon Jahre vor Pegida und AfD, „veränderte Subjektverfassungen“ hervor, die „zu anderen, ungewohnten Anfälligkeiten für Ideologien und destruktive Politik zu führen“.

Das letzte Wort allerdings sollte das nicht sein. Erich Fromm hat schließlich nicht nur daran erinnert, dass der Mensch (wie schon zitiert) „kein leeres Blatt Papier“ sei, „auf welches die Kultur ihren Text schreibt“. Er hat auch optimistisch hinzugefügt: „Die seiner Natur eingeborenen Bedürfnisse wie das Streben nach Glück, Harmonie, Liebe und Freiheit, sind dynamische Faktoren im Geschichtsprozess, die psychische Reaktionen hervorrufen, wenn sie auf Versagung stoßen. Mit der Zeit suchen diese Reaktionen neue Bedingungen zu schaffen, die den menschlichen Grundbedürfnissen besser entsprechen.“

Optimistisch ließe sich das aus heutiger Sicht auch so formulieren: Der innere Unfrieden der Gesellschaft muss nicht zwingend in Wut, Hass und Gewalt ausarten. Er kann auch produktive Kräfte freisetzen, die nach Wegen zu einer solidarischen Gesellschaft suchen. Auch so etwas soll es ja geben im Deutschland des Jahres 2016.

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