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Autoaggression Wenn Schmerz zur Sucht wird

Der Feind im eigenen Körper: Immer mehr Menschen verletzen sich bewusst selbst. Die Gründe dafür sind nicht nur in der Psyche, sondern auch in Gesellschaft und Kultur zu suchen.

Wer sich ritzt will doch nur Aufmerksamkeit, so das Vorurteil. Foto: imago

Wer sich ritzt, will doch nur Aufmerksamkeit“ – das ist die Schablone, in die Menschen, die sich mutwillig selbst verletzen, passen sollen. Ein Satz, der relativiert, abschwächt, herunterspielt. „Stell dich nicht so an, spiel dich nicht so auf, reiß dich mal zusammen.“ Und obgleich der Satz Betroffenen herabwürdigend den Ernst ihrer Lage absprechen soll, ein Klischee ist das mit der Aufmerksamkeit nicht. „Das Problem ist nicht das Zitat selbst, sondern die negative Wertung dessen, dass der Betroffene Aufmerksamkeit sucht“, sagt Anja Link. Man müsse sich doch überlegen, warum ein Mensch diesen schmerzhaften Weg wählen muss, um gehört zu werden. Meist schneiden sie sich mit unterschiedlichen Werkzeugen, verbrennen sich mit Zigarette oder Bügeleisen, schlagen sich selbst, reißen sich die Haare aus. Es gibt viele Formen der Gewalt gegen sich selbst.

Anja Link ist Mitarbeiterin in der Nürnberger Informations- und Kontaktstelle Borderline-Trialog und selbst Betroffene. Sie bringt Menschen mit selbstverletzendem Verhalten, ihre Angehörigen und Therapeuten an einen Tisch. Vermittler wie Anja Link, die auf sozialpädagogische oder psychologische Expertise und zudem auf eigene Erfahrungen zurückgreifen können, sollen im Dialog mit den drei Parteien die Erfahrungsperspektive mit dem Fachwissen verknüpfen und so nach Lösungen für Konflikte suchen.

Eines von vielen Therapiekonzepten, die immer dringlicher werden. Denn soll die Zahl derer, die brutal autoaggressiv handeln, in den letzten Jahren auch stagnieren, so berichtet eine Studie der Deutschen Gesellschaft für Kinder- und Jugendpsychiatrie, Psychosomatik und Psychotherapie 2014 von einem „deutlichen Anstieg von selbstverletzendem Verhalten in den letzten zehn Jahren“. Schätzungen von Ärzteverbänden zufolge handele es sich um 1,2 Millionen Kinder und Jugendliche in Deutschland. „Auch eine Heidelberger Schulstudie bestätigt, dass es einen Anstieg gibt“, sagt Anja Link.

„Jugendliche müssen sich abgrenzen“

Die Motive dafür seien vielfältig: „Das Gerücht, dass jeder, der sich selbst verletzt, Borderline hat, hält sich sehr hartnäckig. Auch umgekehrt: Jeder Borderliner muss sich selbst verletzen“, sagt sie. Das stimme so nicht, jedoch passe auf 60 bis 70 Prozent derer, die autoaggressiv handeln, auch die Diagnose Borderline, die eine Form der emotional instabilen Persönlichkeitsstörung darstellt. Borderliner haben Schwierigkeiten ihre Emotionen zu regulieren, sind häufig übermäßig angespannt, müssen dann Wege suchen Druck abzulassen. „Es kann aber auch das Resultat eines Traumas sein oder bei dissoziativen Störungen auftreten. Auch bei Depressionen“, sagt Anja Link und verweist zudem auf die Möglichkeit paralleler Krankheitsbilder.

Neben den psychischen Gründen können aber auch kulturelle Veränderungen auf den Anstieg des selbstverletzenden Verhaltens wirken. Eine Studie der Ulmer Klinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie näherte sich 2014 erstmals der Frage, ob die Zugehörigkeit zu einer bestimmten Jugendkultur Selbstverletzungen begünstigt. In Befragungen von 452 Schülern im Alter von 14 und 15 Jahren gaben rund 45 Prozent der Jugendlichen, die sich alternativen Gruppen wie der Emo-, Gothic- oder Punkszene zugehörig fühlen, demnach an, sich selbst zu verletzen. „In unserer Gesellschaft verändern sich die Grenzen von dem, was als normal und was als extrem angesehen wird“, sagt Anja Link von der Trialog-Kontaktstelle. „Jugendliche müssen sich abgrenzen, das ist ein ganz natürlicher Vorgang. Es wird allerdings schwieriger sich abzugrenzen, wenn selbst die Lehrerin zum Beispiel gepierct ist. Da wird den Jugendlichen auch etwas Eigenes genommen.“ So müssten sie etwas Extremeres finden, das dann von Markt und Kultur aufgegriffen wird.

Wollen sich Literatur und Songtexte dem Thema noch kritisch und einfühlsam nähern, so wurden in den letzten Jahren Ketten mit stilisierten Rasierklingenanhängern längst auch Teil des Sortiments von Modeketten. Comicfiguren wie „Emily the Strange“ oder MTVs „Daria“ stilisieren die Depressivität zum Jugendideal. „Das wird häufig auch in der Reaktion auf Jugendliche, die sich ritzen, sichtbar: ‚Das machen doch irgendwie gerade alle, das muss man nicht so ernst nehmen, das geht wieder vorbei‘“, so Link. Tatsächlich sei das bei einem Teil auch so, jedoch versäume die Gesellschaft dann, jene Jugendlichen wahrzunehmen, die eine ernsthafte, nachhaltige Symptomatik aufweisen.

„Wenn man bei Facebook guckt, dann gibt es auch viele Seiten dazu, und viele Bilder im Internet gibt es sowieso. Das Thema ist medial stark verbreitet und manche schaffen sich dadurch vielleicht auch eine Identität“, sagt Amélie, eine junge Frau mit zaghaftem Händedruck, mit warmen braunen Augen und einer schnellen, bestimmten Sprechweise. Geht man von einem Zusammenhang von popkulturellen Phänomenen und selbstverletzendem Verhalten aus, so wäre sie eine jener, die von der Gesellschaft nicht mehr als ernsthaft Betroffene wahrgenommen würde. „Mit der Selbstverletzung habe ich mit 13 angefangen“, sagt Amélie, die ihren richtigen Namen nicht nennen will und mittlerweile 30 Jahre alt ist. „Wer sich ritzt, will doch nur Aufmerksamkeit“ – auch sie kennt den Spruch, auch sie bestätigt seinen bloßen Inhalt: „Ich kann sagen, dass ich in jungen Jahren bewusst kurzärmlige Sachen getragen und die Aufmerksamkeit genossen habe.“

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Selbstverletzung als Ventil

Auf Amélies Armen reihen sich kleine Narben aneinander, manche dünn wie Bleistiftstriche, andere kräftiger – Zeugen eines andauernden Krankheitsverlaufes. Als Amélie 13 Jahre alt ist, wird ihr Vater mit Leukämie diagnostiziert. Das junge Mädchen glaubt, ihren Vater zu verlieren, weist erste psychische Symptome auf, leidet an Zwangsstörungen, beginnt schließlich sich zu verletzen. Sie habe damals auf der Suche nach Hilfe in einem Forum den Beitrag eines anderen Mädchens gelesen, das beschrieb, wie ihr das Schneiden ins eigene Fleisch helfe, Anspannungen zu lösen. Besser mit Problemen, mit Druck klarzukommen. Ihr Vater überlebt diese Krebserkrankung, Amélie nutzt die Selbstverletzung trotzdem weiter als Ventil, immer häufiger, in immer engeren Abständen, wie eine Sucht frisst sich die Selbstschädigung durch ihr Leben.

Amélie hat eine emotional instabile Persönlichkeitsstörung, nicht Borderline allerdings, sondern den zweiten, impulsiven Typus. Phasen übermäßiger Euphorie und tiefer Traurigkeit wechseln sich ab, viel schneller als beim Krankheitsbild eines bipolar Gestörten. „Ein kleines Ereignis kann mich innerhalb von Minuten abstürzen lassen“, sagt sie. Neulich, als eine Autoreparatur 200 Euro kosten sollte, sei sie sofort in ein tiefes Loch gefallen, als sie ein anderes Mal ein kostenloses Handy zum neuen Vertrag bekommt, freut sie sich wie ein kleines Kind. „Meinem Alter nicht angemessen“, sagt Amélie.

Die größten Schwierigkeiten hat sie mit Verlusten. Das Ende einer Beziehung hat für sie schon oft die Rückkehr zur Selbstverletzung, zweimal den Aufenthalt in der psychiatrischen Klinik bedeutet, zuletzt im März dieses Jahres. Doch ein Ereignis erschüttert die junge Frau besonders: Vor sechs Jahren nimmt sich Amélies Vater nach einer erneuten Krebsdiagnose das Leben. „Klar, der Verlust eines geliebten Menschen ist für jeden heftig“, sagt Amélie beinahe nüchtern, „aber bei mir äußert sich das durch extrem destruktives Verhalten.“ Auch ihre Mutter ist psychisch instabil, befindet sich wegen einer Depression aktuell selbst in klinischer Behandlung. „Da kann man davon ausgehen, dass ich erblich was mitbekommen habe“, meint Amélie.

Erbliche Vorbelastung – zumindest in Bezug auf selbstverletzendes Verhalten lässt sich das nur schwer ausmachen. „Es gibt eventuell Risikogene, die bestimmen aber nicht, ob sich jemand selbst verletzt, aber können Charaktereigenschaften wie Impulsivität beeinflussen“, sagt Michael Kaess. Der Geschäftsführende Oberarzt und Leiter der Sektion „Translationale Psychobiologie in der Kinder- und Jugendpsychiatrie“ des Heidelberger Universitätsklinikums hat ein Buch zum Thema geschrieben: In „Selbstverletzendes Verhalten: Entwicklungsrisiken erkennen und behandeln“ beschreibt er auch biopsychosoziale Motive. „Wir gehen davon aus, dass Biologie und Umwelt interagieren und zusammen auf die Entstehung wirken“, sagt er. Zum Beispiel seien genetische Teile der Borderline-Störung vererbbar, aber eben auch Umweltbedingungen würden transgenerational weitergegeben. „Wenn ein Kind aus einem armen Viertel kommt, dann besteht ja auch ein psychosoziales Risiko, dass es im späteren Leben selbst eher in entsprechenden Umständen lebt“, vergleicht Kaess.

Selbstverletzung und Popkultur in einen Kontext zu setzen, sieht er kritisch. „Selbstverletzendes Verhalten will ich deutlich von normaler Jugendkultur abgrenzen. Selbstverletzung ist einer der besten Vorhersageparameter für spätere psychische Erkrankungen, im schlimmsten Fall für Suizid.“ In der Tat gebe es jugendliche Gruppen wie Emos oder Gothics, die anfälliger dafür seien. „Die Frage ist aber eher, ob sich Jugendliche mit bestimmten Problemen eben in diesen Gruppen zusammenfinden. Sie werden von so einer Jugendkultur vielleicht eher angezogen“, meint Kaess.

Amélie glaubt an einen weiteren Grund für die steigende Zahl der Jugendlichen, die sich selbst verletzen. „Der Leistungsdruck an Jugendliche wird immer stärker. Und allein dadurch brauchen manche ein Ventil, um damit umzugehen.“ Und die Selbstverletzung sei eben eines davon. In der Therapie wird dann wichtig, diese Ventile durch Alternativen zu ersetzen: Als erste Notfallstrategien essen Betroffene Chilischoten oder löffelweise Wasabi, drücken Igelbälle, duschen eiskalt, zählen Erbsen. „Dinge, mit denen man sich gedanklich oder körperlich ablenken kann“, sagt Amélie. „Wobei mir das langfristig nicht hilft. Nach dem Klinikaufenthalt mache ich das immer ganz emsig, aber danach bin ich in einem anderen Film. Das rationale Denken ist einfach weg.“

Doch Amélie kämpft für ein normales Leben, für einen Alltag ohne Selbstverletzungen. „Ich komme ja auch sonst in meinem Leben gut klar. Ich habe mein Studium abgeschlossen, ein Volontariat gemacht. Ich habe einen Freundeskreis und gerade auch wieder eine Beziehung, die funktioniert“, sagt sie. Amélie ist stark, der Mut, über ihre Krankheit zu sprechen, zeugt von ihrer Kraft. So kann sie auch gelassen damit umgehen, dass die Selbstverletzung Thema der Popkultur geworden ist. „Ich fühle mich nicht angegriffen oder unverstanden. Ich finde es eher positiv, weil ich das Gefühl habe, dass das Thema so gesellschaftlich bekannt wird.“

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