Lade Inhalte...

Selbstversorger Der Aussteiger

Er hatte eine Uni-Karriere vor sich, wie es sich viele wünschen würden. Doch dann schlug Wolf-Dieter Storl einen ganz anderen Weg ein.

„Wir wurden oft gefragt, warum wir uns so plagen, wo doch bei Aldi alles so billig ist“: Wolf-Dieter Storl ist ein hart arbeitender Selbstversorger.

Wer Wolf-Dieter Storl besuchen will, hat es nicht ganz leicht – noch nicht einmal jetzt im Frühling, wo vom Schnee nur noch Reste übrig und die Wege frei sind. Hoch oben in den Adelegger Bergen im Westen des Allgäus liegt sein Zuhause; Serpentine um Serpentine quält sich das kleine Auto die Schotterpiste hinauf, auf der sonst nur die Fahrzeuge der Forstarbeiter unterwegs sind. Weg von den kleinen Allgäu-Dörfern und ihren Bewohnern, hinein in die Natur.

Vor 26 Jahren haben Storl und seine Familie die Zivilisation hinter sich gelassen, soweit das eben geht, mitten in Europa. Die Einsamkeit hoch oben auf der Alm ficht Storl nicht an. Seine Freunde sind die Pflanzen. Der promovierte Ethnologe und Botaniker hat einen Weg gefunden, wie er im Einklang mit der Natur leben und dank ihrer Erzeugnisse überleben kann. Er weiß, wie man sich in einer hochindustrialisierten Welt weitgehend selbst versorgt – und wie viel Arbeit das macht.

Wie wenig den einstigen Unidozenten dagegen die außerhalb seines Jahrhunderte alten Hofes geltenden gesellschaftlichen Normen scheren, verrät schon sein Äußeres. Mit seinen langen weißgrauen Rastalocken und dem dichten Bart sieht er aus wie eine Mischung aus Weihnachtsmann und Bob Marley. Gesicht und Arme sind braun gebrannt, die Hände schwielig, die bloßen Unterarme übersät mit kleinen Kratzern. Nach den langen Wintermonaten, in denen Storl an einem Buch über die Geschichte der Region geschrieben hat, ist seit einer Woche wieder körperliche Arbeit gefragt. Der Garten muss umgegraben, die Beete angelegt werden. Ein Knochenjob.

Der Garten. Eine auf den ersten Blick unordentlich anmutende Fläche hinter dem Wohnhaus, ein paar wildwuchernde Kräuter, ein paar Schollen, durchsetzt noch mit Pflanzenresten vom Vorjahr, eine Handvoll Obstbäume. Viel kleiner, als man annehmen würde bei einem Stück Land, das eine kleine Familie größtenteils ernährt. Doch wenn Storl hindurchstreift, hier eine Knospe pflückt und kostet („Hirschkolbensumach, enthält viel Vitamin C“), sich dort bückt und eine Knolle ausbuddelt („Topinambur, das Nahrhafteste, was es gibt“) oder eine Sprosse bricht („japanischer Staudenknöterich, ein tolles Gemüse“) – dann erwacht das kleine Stückchen Erde zum Leben.

"Als wir kamen, war das eine Wüste"

„Als wir hier ankamen, war das alles eine einzige Brennnesselwüste“, erinnert sich Storl an jenen Herbst 1988, als er sich mit seiner Frau und dem gerade erst geborenen Sohn im Allgäu niederließ. „Die ersten Winter waren unglaublich hart.“ Ohne Auto, ohne elektrische Geräte, der einzige Ofen heizte nur zwei Zimmer, geschlafen wurde auf Stroh. „Wenn der Schnee hoch lag, kamen wir oft wochenlang nicht ins Tal“, erzählt Storl. Die Möbel habe er selbst aus gefundenen Holzresten gezimmert, abends mahlten sie mit der Hand Getreide, um Brot zu backen.

Bevor der Garten Früchte trug, suchten sie Wildkräuter, Beeren, Pilze im Wald. Ein bisschen Geld verdiente er mit Vorträgen und Artikeln zur Pflanzenkunde und zum Gartenbau. „Es war eine furchtbare Plackerei, aber wir wussten, dass wir hier, dass wir so leben wollten.“ Storl hätte zurückgehen können in die USA, zu einer Unikarriere und einem Leben ohne physische Not. Er entschied sich dagegen.

Der alte Hof auf dem Berg im Allgäu ist der Endpunkt einer langen Reise um die Welt. Storl ist in Dresden geboren, als Kind wandert er mit den Eltern zuerst nach Westdeutschland, dann in die USA aus. Er wächst in Massillon (Ohio) auf, hilft auf den Farmen in der Nachbarschaft, zieht jeden Sonntag nach dem Gottesdienst in die Wildnis. Früh ist ihm klar: Er will Botanik studieren. Doch das Studium erweist sich als Enttäuschung – er verbringt mehr Zeit im Labor als in der Natur.

„Amerika war auf der Suche nach der Wundernahrung, auf dem Weg in die industrialisierte Landwirtschaft“, sagt Storl. „Die Leute verloren ihre Beziehung zur Erde, zur Umwelt.“ Das Ergebnis dieses Prozesses, meint er, ist eine Agrarwüste, eine ökologische Katastrophe. „Als ich 16 war und wir Jungs mit unseren Autos rumfuhren, mussten wir alle halbe Stunde die Scheibe von Insekten freikratzen. Heute kann ich in Illinois oder Ohio stundenlang durch die Mais- und Sojafelder fahren, und die Scheibe bleibt blitzsauber“, sagt Storl bitter. „Die Chemie macht es möglich.“

Storl sattelt auf Ethnologie um, lehrt in den USA, erforscht die Indianer und ihre Heilkunde, promoviert in Österreich, lebt bei Bauern in Indien und in der Schweiz und arbeitet in einer ökologischen Landkommune mit, als Bio für die meisten Europäer noch ein Fremdwort ist. „Ich wollte nicht diesen amerikanischen Traum von mobilem Fertighaus und Karriere, mit McDonald’s als einzigem Fixpunkt – ich wollte verwurzelt sein.“

Eben hatte Storl der Besucherin noch den Schatz seines Gartens gezeigt: den Kompost. Mehrere Haufen in verschiedenen Stadien der Verrottung, in die der Mann begeistert seine braungebrannten Hände steckt, die Bröckchen auseinanderbricht, verzückt daran schnuppert. Jetzt hat er sich auf eine Holzbank vor seinen Hof gesetzt und blinzelt in die Sonne. Natürlich, gibt er zu, ist sein Leben für viele eine einzige Plackerei. „Wir wurden oft gefragt, warum wir uns so plagen, wo doch bei Aldi alles so billig ist“, sagt er und lacht. Und auch für die beiden Kinder war es oft schwer in der Schule. Sie wurden ausgelacht, weil sie den Namen jeder Pflanze kannten, aber noch nie von Jürgen Klinsman gehört hatten.

Das Projekt Selbstversorgung sei eigentlich etwas für eine Großfamilie oder eine Kommune mit vielen helfenden Händen und viel Wissen, das über Generationen weitergegeben wird, sagt Storl. „Die meisten Leute haben keine Ahnung, wie lange es dauert, bis ein Beet richtig angelegt ist, wie viel Zuwendung eine Pflanze braucht, bevor man von ihr ernten kann oder wie anstrengend Sauerkraut stampfen ist.“ Oder wie groß der Frust ist, wenn über Nacht die spanische Nacktschnecke – „auch so ein Resultat der Globalisierung“ – einen Teil der Ernte vernichtet hat. Aber das wird mehr als aufgewogen, findet der Gärtner, mit der Freude über die erste Brennnesselsuppe im Frühling oder dem Seelenfrieden nach einem Tag harter Arbeit im Freien.

Storls Sohn hat ihm inzwischen einen Internetzugang gelegt, demnächst will er mit dem Vater Gartenbau-Tutorials drehen. Der alte Mann ist kein Fanatiker, der seinen Weg anderen vorschreiben will, kein Prediger. Aber er weiß, dass in der Welt da draußen viele nach einem gesünderen Gleichgewicht aus Konsum und Umweltschutz suchen. Viele, die wissen wollen, woher ihr Essen kommt. Ihnen möchte er sein Wissen weitergeben. Und was macht eine Kleinfamilie in der Großstadt, die Eltern voll berufstätig, die Kinder in der Schule, also keine Zeit sich komplett selbst zu versorgen? „Sie legt sich einen ganz kleinen Garten an“, sagt Storl und lässt die warme Frühlingssonne auf sein Gesicht scheinen.

Die Zeitung für Menschen mit starken Überzeugungen.

Multimedia App E-Paper
App
Online Kundenservice Abo-Shop
Ok

Um Ihnen ein besseres Nutzererlebnis zu bieten, verwenden wir Cookies. Durch Nutzung unserer Dienste stimmen Sie unserer Verwendung von Cookies zu. Weitere Informationen