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Grundeinkommen Das Grundeinkommen im Praxistest

Elf Deutsche erproben das bedingungslose Grundeinkommen. Jeder von ihnen erhält ein Jahr lang monatlich 1000 Euro, aus Spenden finanziert.

„Wenn die selbstfahrenden LKW kommen, braucht man keine LKW-Fahrer mehr“, sagt der Ex-IT-Unternehmer Michael Bohmeyer. Foto: Imago

Es ist ein gesellschaftspolitisches Experiment mit Brisanz. „Jan“, „Christoph“, „Crissi“ und „Robin“ und sieben weitere Gewinner aus der Verlosung von bedingungslosen Grundeinkommen (BGE), die ein Berliner Verein seit dem vorigen Jahr organisiert, machen mit. Sie wollen nicht mit vollem Namen in der Zeitung stehen. Jeder von ihnen erhält ein Jahr lang monatlich 1000 Euro, aus Spenden finanziert. Keine Kontrolle, kein Zwang, dafür in einem normalen Job zu arbeiten, aber jede Freiheit es zu tun. Oder ein Sabbatical einzulegen, sich weiterzubilden, als Hausfrau- oder Hausmann zu arbeiten oder sich ehrenamtlich zu engagieren.

Zum Beispiel „Christoph“. Er lebt seit dem 1. Oktober von den 1000 Euro. Seinen Job im Callcenter, der ihn schon lange nervte, weil er Menschen dort im Schnelltakt abfertigen musste, hat er gekündigt – und eine Ausbildung zum Erzieher begonnen. „Ich bin wahnsinnig glücklich und fühle mich voller Tatendrang“, schrieb der 26-Jährige, nachdem ihn das Losglück ereilte. Er könne „jetzt die Sachen machen, die mir am Herzen liegen“ und sei froh, sich „keine Sorgen machen zu müssen, wo am Monatsanfang das Geld auf meinem Konto herkommen soll.“

Oder „Robin“. Der Junge ist acht. Seine Mutter, seit mehr als 20 Jahren Krankenschwester, hatte ihn angemeldet. Da sie in Teilzeit arbeitet, um mehr für ihre zwei Kinder da sein zu können, kamen die 1000 Euro extra für die Familie wie gerufen. Und Leseratte Robin freut sich, dass er jetzt „jeden Monat ein Buch“ kaufen kann. Seine Mutter fühlt sich entlastet, weil es nun einen Zuschuss zur Grundversorgung der vierköpfigen Familie gibt. „Wenn wir freier und lockerer sind, was passiert dann? Das will ich wissen“, sagt sie. Dafür ist das Experiment da.

Der junge Berliner Ex-IT-Unternehmer Michael Bohmeyer, der die Idee zum BGE-Praxislabor hatte, ist ein gefragter Mann. Er gründete den Verein „Mein Grundeinkommen“ Mitte 2014. Zeitungen, Radio- und TV-Sender berichteten über ihn, über 100 Interviews hat er gegeben. Mittlerweile sind per Crowdfunding durch fast 20 000 Spender nicht nur die 132 000 Euro für die monatlichen Überweisungen der elf BGE-Tester zusammengekommen, es fließt auch ausreichend Geld, um die sechs Mitarbeiter des Vereins zu bezahlen. Der Verein hat weitere Geldquellen erschlossen. So gehen beim Einkauf in bestimmten Onlineshops rund fünf Prozent des Preises als Spende an „Mein Grundeinkommen“, wenn der entsprechende Button angeklickt wird. Man kann beim Verein eine Payback-Karte bestellen, bei der der Rabatt beim Einkauf ihm gutgeschrieben wird.

Immer wenn wieder 12 000 Euro zusammengekommen sind, wird das nächste Grundeinkommen verlost. Bohmeyer war erstaunt über die immense Resonanz für seine Idee, das viel diskutierte Grundeinkommen, das Arbeit und Einkommen entkoppelt, praktisch auszuprobieren. „Die Zeit scheint reif für solche neuen Konzepte“, sagt der 30-jährige Berliner. Die Menschen spürten, dass sich die Arbeitswelt strukturell verändere und die alten Muster von Erwerbsarbeit, unbezahlter Familienarbeit, verdeckter Arbeitslosigkeit, Hartz IV, Aufstockergeld und Sozialhilfe nicht zukunftsfähig seien. Die Digitalisierung werde alles stärker verändern, als viele bisher annehmen. „Wenn zum Beispiel die selbstfahrenden LKW kommen, und sie werden kommen, braucht man keine LKW-Fahrer mehr.“ Darauf müsse die Gesellschaft andere Antworten geben, als die Leute in die Arbeitslosigkeit zu schicken.

Um die Finanzierbarkeit eines Grundeinkommens geht es in dem Versuch nicht. Aber wahrscheinlich bekommt man eine Antwort auf die Frage, ob das Hauptargument der Kritiker stimmt: Das voraussetzungslos aufs Konto fließende Geld werde die Menschen häufig zum Nichtstun verleiten und sei eine „Stilllegungsprämie“ für Menschen, die als „nutzlos abgestempelt“ würden (so Ex-SPD-Generalsekretär Hubertus Heil). Sie ist bislang nicht wirklich beantwortet.

Allerdings würden laut einer Umfrage der Meinungsforscher von Imas International von 2010 in Deutschland immerhin 72 Prozent aller Erwerbstätigen weiter arbeiten wie bisher, wenn es ein Grundeinkommen gäbe. Hausfrauen, Arbeitslose und Rentner würden sogar mehr arbeiten, und ein Viertel der Schwarzarbeiter würde die illegalen Jobs aufgeben. Und auch Erfahrungen in anderen Ländern mit Ansätzen und Vorläufern zum BGE sind unter dem Strich positiv, darunter ein Feldversuch in den USA zur Variante namens „negative Einkommenssteuer“ zwischen 1968 und 1974, ein Pilotprojekt in einem Ort in Namibia 2008 und 2009 oder das Modell des „Alaska Permanent Fund“, der allen Bürgern des US-Bundesstaates eine Jahreszahlung von knapp 1900 US-Dollar aus den Gewinnen der Ölförderung zukommen lässt.

Mit Spannung schaut die BGE-Szene, die vom Gründer der DM-Drogerie Götz Werner über mehr oder minder zahlreiche Befürworter in fast allen Parteien bis zu Bohmeyer geht, auf die Schweiz. Dort findet im nächsten Jahr eine Volksbefragung zur Einführung eines bedingungslosen Grundeinkommens statt. Eine Initiative hatte 126 000 Unterschriften dafür gesammelt. Bohmeyer glaubt zwar nicht, dass die Befürworter eine Mehrheit holen können. Aber 20 bis 40 Prozent Ja-Stimmen seien drin. Und das werde das Thema „dann endgültig in den politischen Mainstream holen“, glaubt er.

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