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Fachkräftemangel Wanted: Fachkraft!

Immer mehr Unternehmen in Deutschland müssen sich anstrengen, um das richtige Personal zu finden. Die Deutsche Bahn ist dabei besonders umtriebig.

Die Deutsche Bahn ist besonders engagiert, wenn es darum geht, junge Fachkräfte anzuwerben. Foto: REUTERS

Die Schlafsäcke liegen in der Ecke. Nicht ordentlich zusammengeschnürt, sondern noch so, als wären ihre Benutzer gerade erst aufgestanden. „Wir haben bis sechs Uhr früh am Laptop gesessen“, sagt Alexander Amin, „und dann eine Stunde geschlafen.“ Jetzt ist es elf Uhr am Samstagvormittag. Man hält sich wach, mit Cola, Red Bull und Club Mate. Kaffee gibt’s natürlich auch. Noch zwei Stunden, schätzt der junge Mann, der Informatik an der FH Frankfurt studiert. Dann ist es geschafft. Dann steht die neue App fürs Smartphone.

Amin und die drei anderen Computerfreaks aus seiner Gruppe nehmen an einem „Hackathon“ teil, einem Marathon für Hacker. Der Event läuft einen Abend, die Nacht hindurch und einen Vormittag. Eingeladen dazu hat die Deutsche Bahn, genauer die DB Systel GmbH, die Informatik-Tochter, die von der Softwareentwicklung über den Betrieb von über 600 IT-Anwendungen bis zur Hardware-Betreuung für alles zuständig ist, was in dem Verkehrskonzern mit Bits und Bytes zu tun hat.

Das Ergebnis der Nachtschicht der vier jungen Leute am Bildschirm ist eine Art „Versöhnungs-App“ für Verspätungen. Die Idee: Fahrgäste sollen Umsteige-Aufenthalte an Bahnhöfen, die manchmal auch länger dauern als geplant, sinnvoll nutzen können. „Die App zeigt automatisch an, wie viel Zeit man am Umsteige-Bahnhof hat“, erläutert Amin, „und was man damit anfangen kann.“ Wo ist ein Bankautomat, ein Cafe, ein Supermarkt? Die App weiß es und gibt an, wie viele Minuten man hin und zurück braucht. „Jeder kann sehen, ob er den Weg stressfrei schafft und ob genug Zeit zum Kaffeetrinken oder fürs Einkaufen bleibt.“

Über 60 Computer-Experten – Studenten, Informatiker, Software-Entwickler – nehmen an dem Hackathon teil, der im 30. und 31. Stock des silbernen DB-Hochhauses in der Frankfurter Innenstadt ausgerichtet wird. Eine Premiere. Es ist das erste Mal, dass das Traditionsunternehmen DB so etwas macht – und dafür sogar komplette Datensätze über Fahrpläne, Verspätungen und andere Zwischenfälle wie kaputte Klos oder ausgefallene Klimaanlagen herausrückt.

Der Sinn der Übung? „Es hilft uns, die Vielfalt unserer Daten besser zu nutzen und ganz neue Ideen zu entwickeln“, sagt Matthias Patz, Innovationsmanager bei DB Systel. Aber, und daraus machen die DB kein Geheimnis, es geht noch um etwas ganz anderes. Die Bahn hat erkannt: Sie muss ihr Image bei den Computer-Experten verbessern, um auch künftig attraktiv für qualifiziertes Personal aus diesem Fachgebiet zu sein. Schließlich sind Software-Experten in der Wirtschaft gefragt wie kaum eine andere Berufsgruppe. Derzeit hat DB Systel bundesweit rund 3500 Mitarbeiter, und es werden immer mehr. „Die Digitalisierung schreitet voran“, sagt Patz. „Fast nichts mehr läuft ohne IT.“

Doch das Fachkräfteproblem betrifft längst nicht mehr nur die Informatiker. Der Bahn-Konzern, der in Deutschland rund 200 000 Mitarbeiter beschäftigt, stellte bereits Anfang dieses Jahrzehnts einen Einschnitt im Personalbereich fest: Die Zahl der Bewerbungen auf seine offenen Stellen nahm ab; der Arbeitsmarkt bot potenziellen Bahnern zunehmend Alternativen.

Bei gut qualifizierten Fachkräften, Mechatronikern oder Fahrdienstleitern trat das Problem zuerst auf – und besonders akut in Boomregionen wie etwa im Großraum München oder in Baden-Württemberg. Dort stehe die Bahn in einem „harten Wettbewerb um gute Mitarbeiter“, sagte DB-Personalvorstand Ulrich Weber bereits 2012.

Seither hat sich die Lage an der Fachkräfte-Front noch verschärft. Der Konzern muss pro Jahr im Schnitt 7000 bis 8000 Stellen neu besetzen, und künftig tendenziell noch mehr. Hauptgrund: Viele Mitarbeiter scheiden aus Altersgründen aus – und das beschleunigt, wenn sich im nächsten Jahrzehnt die Babyboomer-Generation verabschiedet, während die Nachwuchs-Jahrgänge schrumpfen.

Die Zeiten, in denen Arbeitgeber sich kaum Sorgen um die Besetzung von Stellen machen mussten, sind vorbei. Doch die Bahn hat reagiert, und Arbeitsmarktforscher wie Dennis Ostwald, Chef des Darmstädter Wifor-Instituts, attestieren dem sonst vielfach gescholtenen Konzern, hier einen guten Job zu machen. „Die DB schaut sich an, wie der Arbeitsmarkt in fünf und zehn Jahre aussehen wird und plant dafür. Das tun sonst nur wenige Unternehmen.“ Viele hätten die Brisanz der Veränderungen auf dem Arbeitsmarkt noch nicht erkannt, „und das wird sich für sie und ihren künftigen Geschäftserfolg rächen.“

Ein Hackaton wie der im Frankfurter Silberturm, Schnupper-Angebote wie „Gleisbau-Camps“ für Schulabgänger, Tunnelbau-Führungen oder „Backstage DB“-Tage sind nur ein paar Beispiele dafür, wie die DB versucht, auf dem Arbeitsmarkt zu punkten. Es gibt 350 Kooperationen mit Schulen und Hochschulen, eine Zusammenarbeit mit der Bundeswehr, um Zeitsoldaten nach dem Ende ihrer Dienstzeit zu Bahnern zu machen („Vom Fallschirmjäger zum Zugbeleiter“) und „Cross Border“-Anwerbungen, etwa in Spanien oder Griechenland.

Eingebettet ist das alles in die bundesweite Kampagne „Kein Job wie jeder andere“. Ihr Ziel ist es, die Bahn als „vielfältigen, attraktiven und verantwortungsbewussten Arbeitgeber“ darzustellen, der eine unglaubliche Vielfalt von Berufen bietet – nämlich rund 500, von Lokführer über Maurer und Förster bis zum Vermessungsingenieur und Systemadministrator. Zu den Zielgruppen gehören Schüler, Studenten und Hochschulabsolventen sowie Fachkräfte und Akademiker mit Berufserfahrung.

Der Konzern versucht, auf allen denkbaren Kanälen auf sich aufmerksam zu machen – unter anderem mit TV-Spots und Anzeigen, auf Plakaten in Bahnhöfen, Zügen und Bussen, mit Präsenz auf Berufs- und Ausbildungsmessen, aber auch mit Online-Werbung und Angeboten in Netzwerken wie Facebook, Twitter oder Linkedin. „Wir gehen dahin, wo die Bewerber sind“, sagt Kerstin Wagner, die „Leiterin Personalgewinnung“ bei der DB. Wagners Abteilung ist seit 2012 deutlich aufgestockt worden. Heute hat ihr Team 140 Mitarbeiter, die in allen Regionen Deutschlands tätig sind.

Die Bahn hat erkannt: Sie muss viel mehr bieten als früher, um in der Bewerbergunst zu punkten. Wagner: „Keine Frage, die Interessenten sind anspruchsvoller geworden.“ Nicht nur der Job an sich und eine ordentliche Bezahlung zählen, damit jemand sich für die DB entscheidet. Sondern auch, dass man ihn der jeweiligen Lebenssituation angepasst ausüben kann. Die DB bietet deswegen vermehrt die Möglichkeiten zur Kinderbetreuung oder zur Pflege von Angehörigen an. Auch flexible Arbeitszeitmodelle, zum Beispiel Teilzeit im Alter oder Sabbaticals sind im Angebot. Einen Vorteil hat die Bahn auch dadurch, dass sie bundesweit agiert und überall Arbeitsmöglichkeiten anbietet. Die Bereitschaft von Bewerbern, wegen eines Jobs umzuziehen oder täglich lange Pendelstrecken auf sich zu nehmen, sinkt tendenziell. „Wir sind eher als andere in der Lage, wohnortnahe Angebote zu machen“, sagt Wagner. Arbeitsmarktforscher Ostwald glaubt sogar: „Unternehmen wie die Bahn sind gut beraten, Jobs nicht zu zentralisieren, sondern sie wieder dorthin zu bringen, wo die Menschen wohnen.“ Das sei durchaus auch eine Chance für strukturschwache Regionen.

Die Bemühungen der Bahn tragen erste Früchte. Bei Universumglobal zum Beispiel war die DB 2014 erstmals bei Ingenieurstudenten unter den zehn beliebtesten Arbeitgebern. Eine online-Befragung unter 12 000 Schülern erbrachte, dass 70 Prozent die „kein Job wie jeder andere“-Kampagne kennen. Und das Karriereportal der DB im Internet kam 2014 immerhin auf über vier Millionen Besucher.

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