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Arbeitszeit-Verkürzung Weniger Arbeit ist mehr

Es gibt nur eine Lösung des Problems: Eine kollektive Arbeitszeitverkürzung in Richtung 30-Stunden-Woche, findet Heinz-Josef Bontrup, Wirtschaftswissenschaftler und Arbeitsökonom an der Westfälischen Hochschule Gelsenkirchen. Ein Gastbeitrag.

Vollbeschäftigung ist machbar - wenn die Wochenarbeitszeit sinkt. Foto: Imago

Wer über menschliche Arbeit redet und schreibt sollte nicht die Arbeitslosen vergessen, die überhaupt keine Arbeit haben, deren Arbeitszeit durch das kapitalistische System unfreiwillig auf null gesetzt ist, und nicht über noch mehr Arbeitszeitflexibilisierung von Beschäftigten zur angeblichen Vereinbarkeit von Familie und Beruf oder gar über einen Fachkräftemangel faseln.

Die Profiteure einer noch größeren Kommodifizierung der Arbeitskraft sind letztlich nur die Kapitaleigner und sonst Niemand. Die von neoliberalen Demagogen behauptete gute Verfassung der deutschen Arbeitsmärkte zeigt in Wirklichkeit einen katastrophalen Zustand. Zwar hat die in „Köpfen“ gezählte Erwerbstätigkeit zugenommen und die Arbeitslosigkeit ist gesunken. Aber zu welchem Preis? Das entscheidende Arbeitsvolumen (Beschäftigte multipliziert mit der jeweiligen Arbeitszeit) ist trotzdem gesunken, weil die Teilzeitquote von 17,9 Prozent im Jahr 1991 auf fast 40 Prozent gestiegen ist.

Rund 8 Millionen abhängig Beschäftigte haben 2014 nur 15 Stunden in der Woche Arbeit gehabt und Millionen von prekären Beschäftigungsverhältnissen sind entstanden, von deren Bezahlung man nicht Leben und Sterben kann. Nie war es nach dem Zweiten Weltkrieg, unter von der herrschenden Politik weitgehend deregulierten Arbeitsmärkten und vor dem Hintergrund der bestehenden Massenarbeitslosigkeit für Unternehmer und Manager, so leicht, die Beschäftigten und gleichzeitig die Arbeitslosen zu disziplinieren und die Arbeitsentgelte zu drücken.

Die Gewerkschaften schaffen es in Folge seit langem nicht mehr den zumindest verteilungsneutralen Spielraum innerhalb der gesamtwirtschaftlichen Wertschöpfung zu generieren – geschweige denn Realeinkommenssteigerungen oberhalb der Produktivitätsrate mit einem Umverteilungseffekt zu Gunsten der Lohnquote durchzusetzen. Im Gegenteil: Sie müssen, in einem der produktivsten und innovativsten Länder der Erde, auf vielen Teilarbeitsmärkten um gesetzliche Mindestlöhne bei unseren „Volksvertretern“ betteln gehen.

Fakt ist außerdem, dass jetzt seit 40 Jahren in Deutschland Massenarbeitslosigkeit herrscht. Welch ein System- und Politikversagen. Nur die Arbeitsgruppe Alternative Wirtschaftspolitik hat dies seit ihrer Gründung im Jahr 1975 immer wieder kritisiert und Bekämpfungsmöglichkeiten aufgezeigt.

Arbeitslosigkeit ist ein „Gewaltakt“ gegen jeden einzelnen Arbeitslosen, wie der Soziologe Oskar Negt zu Recht feststellt und gleichzeitig impliziert Arbeitslosigkeit für die Gesellschaft als Ganzes eine enorme Verschwendung. Allein von 2001 bis 2013 hat die Massenarbeitslosigkeit in Deutschland fast eine Billion Euro an fiskalischen Kosten verursacht, stellt das wissenschaftliche Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB) der Bundesagentur für Arbeit fest. Diesen Kosten steht Null Leistung gegenüber.

Wir hätten ohne Arbeitslosigkeit – wie in den 1960er Jahren – seit der deutschen Wiedervereinigung nicht einen Euro Staatsschulden machen müssen. Das zeigt die verheerenden Folgen in einer Volkswirtschaft, die nicht vollbeschäftigt ist bzw. mit Massenarbeitslosigkeit „lebt“. Und wer jetzt glaubt, mit einem markt- und wettbewerbsgetriebenen Wachstum, das weiter die Umwelt massiv schädigt, und die Menschen in den Arbeitsprozessen immer mehr krank macht, ist in Deutschland, oder in anderen hochentwickelten Industrieländern, eine Beseitigung der „Geißel“ Arbeitslosigkeit erreichbar, der hat von Wirtschaft noch gar nichts verstanden.

Auch unter dem zukünftig demografisch rückläufigen Arbeitsangebot wird das Wirtschaftswachstum nicht hinreichend sein. Schon seit Jahrzehnten sind die gesamtwirtschaftlichen Produktivitätsraten größer als die preisbereinigten Wachstumsraten des Bruttoinlandsprodukts. So geht das entscheidende Arbeitsvolumen zurück. Und das wird im Trend in Zukunft auch so sein.

Es gibt deshalb nur eine Lösung. Eine kollektive Arbeitszeitverkürzung in Richtung 30-Stunden-Woche. Also eine kurze Vollzeit für Alle! Und zwar mit vollem Lohn- und Personalausgleich. Die Finanzierungsmasse sind die Produktivitätszuwächse und die völlig überdimensionierte gesamtwirtschaftliche Mehrwertquote aus Gewinn- und Kapitaleinkünften (Zinsen und Grundrenten).

Im Befund ist die Arbeitszeitverkürzung lohnstückkosten-, inflations- und verteilungsneutral. Die internationale Wettbewerbsfähigkeit der Unternehmen ist also nicht bedroht. Und das Vorteilhafte aus Sicht der Unternehmer und Kapitaleigner ist außerdem, dass auch ihre Gewinne unter den Bedingungen einer Arbeitszeitverkürzung bei vollem Lohn- und Personalausgleich in Höhe der Produktivitätsrate steigen. Alle sind demnach Gewinner.

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