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Arbeitszeit Sechs Stunden reichen

Im wohlhabenden Norwegen geht der Trend zum kurzen Arbeitstag. Das Land hält seit Jahren die Spitzenposition beim Human Development Index der Vereinten Nationen.

29.04.2015 15:57
Clemens Bomsdorf
6-Stunden-Tage: Eine norwegische Meierer beweist, dass es geht. Foto: Imago

Traumhafte Zustände – anders ist Norwegen kaum zu beschreiben. Das Land hält seit Jahren die Spitzenposition beim Human Development Index der Vereinten Nationen, die Natur ist weitgehend unzerstört und statt enormer Staatsschulden sind pro Einwohner 160 000 Euro im Ausland angelegt. Der Ökonom Arne Jon Isachsen nennt seine Heimat deshalb „das reichste Land der Welt“.

Zwar müssen auch in dem wohlhabenden nordischen Staat die Einwohner noch arbeiten, doch wenn es nach einigen Gewerkschaftern geht, dann immer weniger. „Sechs Stunden Normalarbeitstag mit vollem Lohnausgleich“, stand auf dem Transparent, das sie Anfang März in Oslo hochhielten. Sie wollen die 30-Stunden-Woche nicht als Teilzeit-, sondern Vollzeitstelle, also mit gleichem Gehalt – davon haben auch in Deutschland schon viele geträumt. In Norwegen hat ein großer Betrieb bereits gezeigt, dass es möglich ist, so wenig zu arbeiten und dennoch auf dem Markt zu bestehen.

Im Jahr 2007 führte das Zentrallager Heimdal der Meierei Tine den Sechs-Stunden-Tag ein – zunächst versuchsweise. Die Ergebnisse waren so gut, dass das Unternehmen weitermachte und nun von den Arbeitern dort keiner mehr als 30 Stunden die Woche arbeitet. „Binnen einen Jahres lag die Produktivität sogar zehn Prozent höher als zuvor mit 37,5 Stundenwoche“, sagt Henning Martinsen, Chef des Betriebes mit 174 Angestellten in Trondheim und fügt hinzu, dass die Entwicklung seither ebenfalls überdurchschnittlich sei.

Der Sechs-Stunden-Tag habe sich positiv auf Produktivität, Qualität und Krankenstand ausgewirkt, heißt es in einem Bericht des norwegischen Arbeitsforschungsinstituts (AFI), den drei Wissenschaftler zwei Jahre nach Einführung der Arbeitszeitreduzierung bei der Molkerei erstellt hatten. Damals war die einschneidende Änderung also noch nicht so lange her, und die befragten Mitarbeiter konnten lange und kurze Arbeitstage gut vergleichen. Trotz weniger Zeit auf der Arbeit beklagten sie sich kaum über Zeitdruck; der Anteil derjenigen, die ihren Gesundheitszustand als eher gut bezeichnen, stieg.

Erreicht werden sollte mit dem kürzeren Arbeitstag nichts geringeres als bessere Lebensqualität durch mehr Spaß bei der Arbeit und zu Hause. „Wichtig ist, dass wir nicht einfach nur die Arbeitszeit reduziert haben, sondern der Betrieb jetzt ganz anders abläuft“, sagt Meierei-Chef Martinsen. Die Mitarbeiter am Band dürfen nun viel mehr entscheiden als früher. Wenn sie eine Idee haben, wie ihre Arbeitsabläufe besser gestaltet werden können, liegt es an ihnen, das auszuprobieren. Der Chef muss nicht immer gefragt werden. Freiwillig hätten sie sich bereit erklärt, falls nötig auch mal in der Freizeit zu kommen, um sich mit Kollegen abzusprechen. Das, so Martinsen, geschehe allenfalls einmal im Monat.

Einzelne Unternehmen in Norwegen und Schweden haben wie bei Tine Heimdal die Arbeitszeit ebenfalls reduziert. Um dies flächendeckend einzuführen, mangelt es bisher am politischen Willen. Martinsen hat gute Erfahrungen gemacht, kann aber verstehen, wenn andere Betriebe lieber Arbeitszeitkonten einrichten oder andere Modelle wählen. Die Arbeitgeber warnen, dass die flächendeckende Einführung des Sechs-Stunden-Tages der Wirtschaft schaden würde.

In einem anderen Bericht zu einem ähnlichen Versuch bei einem kommunalen norwegischen Betrieb stellt die Unternehmensberatung Rambøll fest, dass der 6-Stunden-Tag dazu beitragen könne, auch in höherem Alter noch zu arbeiten. Eine Anhebung des Pensionsalters ist angesichts der steigenden Lebenserwartung seit jeher Forderung von Ökonomen, um die Pensionskosten zu reduzieren. Ältere Arbeitnehmer, so Rambøll, könnten auch in höherem Alter noch arbeiten wenn der Arbeitstag nur sechs Stunden habe, denn dann sei das Risiko physischer Schäden erheblich geringer.

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