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Analyse Arbeit. Unsere Religion.

Mehr Menschen als je zuvor arbeiten. Nur wenige haben Freude daran, andere werden krank. Trotzdem machen wir weiter. Immer weiter.

GINA Jeanine Schreiner
DIE LEHRERIN: Janine Schreiner kann sich nichts anderes vorstellen als Lehrerin für Deutsch, Englisch, Arbeitslehre, Kunst und Sport zu sein. Foto: Alex Kraus

So einfach wie Andrea Nahles hat es lange keine Arbeitsministerin mehr gehabt. Seit die Tochter eines Maurermeisters aus der Vulkaneifel im Amt ist, wird sie mit guten Nachrichten vom Arbeitsmarkt verwöhnt. Die Arbeitslosigkeit: sinkt. Die Erwerbstätigkeit: eilt von Bestwert zu Bestwert. Die Löhne: steigen. Die weiteren Aussichten: heiter.

Über 43 Millionen Menschen mit Wohnsitz in Deutschland gingen Ende 2014 einem Broterwerb nach. Das waren 54,2 Prozent der Bevölkerung (1970: 44,2). Das gab es noch nie. Es wird gehämmert, gehandelt, gefahren, geschrieben, geputzt, gekocht und gepflegt, was das Zeug hält. Die Unternehmen rufen nach mehr Fachkräften, stellen auf Reserve ein – und aus den krisengebeutelten Südländern ziehen Menschen hierher, um Arbeit zu finden.

Alles, so scheint es, arbeitet. Und Arbeit ist alles.

Die Zeiten der Massenarbeitslosigkeit: trotz noch immer rund drei Millionen Arbeitslosen fast schon vergessen. Das Ziel der Politik, möglichst viele Menschen in Arbeit zu bekommen: im Grunde erreicht. Und Andrea Nahles? Die wünscht sich eine große Debatte über eine neue Arbeitskultur.

Arbeit, sie ist unsere Religion. Sie ist weit mehr als Broterwerb, sie gibt den Tagen Struktur, sie definiert, wer man ist in der Gesellschaft. Der Arbeitskritiker Norbert Trenkle sieht die Arbeit im Kapitalismus als „das zentrale Bindeglied zwischen dem Individuum und der Gesellschaft“. Dabei komme es nicht primär darauf an, was jemand tut, sondern dass dieses Tun einen bestimmten Wert darstellt, der sich in Geld ausdrücken lässt. „Praktisch jeder Mensch ist also gezwungen, einer Tätigkeit nachzugehen, die sich allein an ihrer Verkäuflichkeit misst“, sagt Trenkle. „Dieser Zwang ist im Grunde nur zu ertragen, wenn man sich irgendwie mit ihm identifiziert und ihn quasi-religiös überhöht.“

Berufsarbeit als Gottesdienst, diese These ist nicht neu. In der Religionsgeschichte reicht sie weit zurück. Mit der Reformation und Martin Luthers Geheiß, unserer Berufung zu folgen, beginnt das Streben nach Selbstperfektion. Und seit der Industriellen Revolution gilt Arbeit sogar als Wert an sich. Im 19. Jahrhundert entsteht die Auffassung, „Arbeit sei Religion, nämlich Dienst am Fortschritt“, so der Theologe Wolfgang Huber, der Ratsvorsitzender der Evangelischen Kirche in Deutschland war. „Die Arbeit als Religion wird hier eingefügt in den Fortschrittsglauben des Bürgertums.“

Fleiß, Pflichterfüllung, Bescheidenheit, das charakterisiert das protestantische Arbeitsethos. Im Kapitalismus sind diese Eigenschaften besonders willkommen. Hier hat sich das Leistungsprinzip durchgesetzt. Wer sich anstrengt, soll auch mehr vom Leben haben.

Kirchenvertretern werden die Geister, die sie riefen, langsam unheimlich. Die populäre Theologin Margot Käßmann rief schon 2009 dazu auf, das protestantische Arbeitsethos und seine Auswüchse in der Leistungsgesellschaft zu hinterfragen. Die Ansicht, dass „Menschen, die mehr leisten können, mehr gesegnet sind“, halte sie für „problematisch“, sagte Käßmann. „In Zeiten des Burn-out-Syndroms müssen wir uns fragen: Was haben wir mit diesem Ethos ausgelöst?“

In der Tat. Denn längst nicht alle arbeiten mit Freude. 70 Prozent der deutschen Beschäftigten machen laut einer kürzlich veröffentlichten Umfrage des Meinungsforschungsinstituts Gallup Dienst nach Vorschrift. Die anderen 30 Prozent teilen sich in hochengagierte, zufriedene Arbeitnehmer auf und solche, die kreuzunglücklich sind mit ihrem Job. Sieht so Begeisterung für die Arbeit aus?

Tatsächlich geben fast zwei Drittel der Beschäftigten laut des DGB-Reports „Gute Arbeit“ an, dass sie seit Jahren immer mehr in der gleichen Zeit leisten müssen, viele fühlen sich gehetzt. Und wiederum rund zwei Drittel der Vollzeitbeschäftigten würden, wenn sie denn könnten, gerne ihre Arbeitszeit reduzieren.

Zwar ist es keine anerkannte Diagnose, aber die Klage über ein „Burnout“ gehört heute zum guten Ton. In den vergangenen Jahren waren psychische Beschwerden und Erkrankungen wie Depressionen, Angstzustände oder Erschöpfungssymptome als Grund für den Arbeitsausfall deutlich auf dem Vormarsch. Inzwischen entfällt auf die Psyche rund jeder zehnte Krankheitstag. Damit hat sich die Zahl seit 1994 verdoppelt.

Arbeit als Religion. Arbeit als totale Aufopferung?

Arbeitsministerin Andrea Nahles beobachtet, dass immer mehr Menschen das Gefühl haben, dass die Arbeit alles andere in ihrem Leben erschlägt. „Viele Familien leiden doch darunter, dass sich bei den 30- bis 45-Jährigen so viel ballt“, sagte sie der „Zeit“: „Diese Frauen und Männer sollen gleichzeitig Karriere machen, Kinder großziehen und die finanzielle Basis für ihre spätere Rente legen.“

Die Entwicklung des Arbeitsmarktes in den vergangenen Jahren macht ihnen das nicht leichter. Denn ja, die Erwerbstätigkeit steigt und die Arbeitslosenquote sinkt. Doch sonst? Geringfügige Beschäftigung, Zeitarbeit sowie Solo-Selbstständigkeit haben zugenommen, Tarifverträge gelten laut einer Bertelsmann-Studie nur noch für 35 Prozent der Betriebe und 62 Prozent der Beschäftigten, die Reallöhne erreichten nach deutlichen Rückgängen erst 2014 wenigstens wieder das Niveau der Jahrtausendwende – im Schnitt. Doch die unteren Lohngruppen haben verloren. Und während die einen unter Überlastung leiden, finden weiterhin Millionen Menschen keine Arbeitsstelle.

Unsicherheit hat die Vergangenheit des Arbeitsmarktes geprägt, Unsicherheit wird die Zukunft prägen. Die Folgen der Automatisierung und Digitalisierung werden immer erkennbarer. In einer Untersuchung des Bruegel-Instituts heißt es, dass in Deutschland über die Hälfte der heutigen Jobs künftig von Computern ausgeführt werden könnten. Wie viele Arbeitsplätze neu entstehen, ist hingegen unklar.

Vor diesem Hintergrund flackert die Debatte über das bevorstehende Ende der Arbeitsgesellschaft wieder auf. Schon Ende der 1960er Jahre hatte die Philosophin Hannah Arendt von der „Aussicht auf eine Arbeitsgesellschaft, der die Arbeit ausgegangen ist, also die einzige Tätigkeit, auf die sie sich noch versteht“ gesprochen. Sie fragte: „Was könnte verhängnisvoller sein?“

Ob es diesmal soweit kommt, ob der wesentliche Pfeiler der Arbeitsgesellschaft wirklich vor der „Zerbröselung“ (Ralf Dahrendorf) steht, und was das für diese Gesellschaft bedeuten würde, sind zwei der Fragen, der die FR- Serie „Arbeit. Unsere Religion.“ nachgeht. Eine andere ist, wie die Arbeitswelt arbeitnehmerfreundlicher gestaltet und den vielen über Stress und Sinnentleerung klagenden Menschen die Freude an der Arbeit zurückgegeben werden kann. Denn die Menschen sind im Prinzip ja gerne tätig, nur nicht in der Rolle als stumpfe Malocher.

Der Psychoanalytiker Erich Fromm sah in der „industriellen Religion“ eine Entwicklung, die die „Menschen zu Dienern der Wirtschaft und der Maschine, die sie mit ihren Händen gebaut haben“ herabstuft. Damit aber werden die Verhältnisse verkehrt. In so einem System ist die Erwerbsarbeit der höchste Zweck, dem die Menschen dienen können.

Leben, um zu arbeiten, oder arbeiten, um zu leben? Das ist die Frage.

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